Ein Priesterrebell entert den Katholikentag
Wer Helmut Schüller sehen und hören will, hat in Mannheim dieser Tage genau zwei Möglichkeiten: Entweder er hält in den Straßen und Cafés der Stadt Ausschau nach einem gepflegten älteren Herrn mit dunklen Haaren und Priesterkragen, der auf einen Gruß hin mit österreichischem Zungenschlag zurückgrüßt. Oder er kommt am Samstag, 19. Mai, 14 Uhr, ins Alternativzentrum zum Katholikentag in der Rheinaustraße 19, gleich hinter dem Hauptbahnhof. Das ist nämlich - überlegen es sich die Katholikentags-Macher nicht noch anders - der einzige Ort, an dem Helmut Schüller auftritt. Es ist einzige Termin, bei dem er auf einem Podium debattieren darf und soll, was mit der römisch-katholischen Kirche nicht stimmt. Und warum das Personal, zu dem er gehört, mit seinem Arbeitgeber zur Zeit ziemlich unzufrieden ist.
Schüller führt die Österreichische Pfarrerinitiative an. Und er vertritt eine für einen katholischen Priester ziemlich radikale These: »Es gibt keine Hoffnung mehr auf Kirchenreform von oben. Es gibt nur noch den Aufstand.« Auf die Bischöfe könne niemand mehr setzen, sie seien den aktuellen Fragen und Problemen in der Kirche mehrheitlich nicht gewachsen. Tatenlos sähen sie zu, wie die Gemeinden vor die Hunde gingen und der Glaube zur scheinheiligen Sache eines »heiligen Restes« werde. Niemand von ihnen interessiere sich wirklich für die Menschen an der Basis, die Kirchenoberen genügten sich offenbar selbst.
Schüllers Initiative hat mittlerweile weltweit Interesse gefunden: In Australen, Irland und Frankreich tun es ihm Priestergruppen nach. In Polen interessiert man sich für die wütenden österreichischen Pfarrer. Und in Süddeutschland sind die jüngsten Protest-Initiativen - wie zum Beispiel die Umarmung von mehr als 150 Kirchen durch die ärgerliche Basis der Christen im Bistum Augsburg - wohl nur deshalb zu einer erfolgreichen Performance geraten, weil Österreich nah und Schüllers Gedanken präsent sind.
Wie aber betreibt man Kirchenreform, wenn man »von denen da oben« nichts mehr erwartet? Wenn die Hilfe vom Heiligen Geist und »von denen da unten« kommen muss? Über erfolgreiche »Strategien zwischen Dialog und Widerstand« debattiert Schüller am 19. Mai, 14 bis 16 Uhr, mit weiteren Podiumsteilnehmern.
Vermutlich geben sich dort die Damen und Herren von den großen deutschen Nachrichtenmagazinen und Tageszeitungen die Klinke in die Hand. Sie finden den Rebellen im Priestergewand nämlich ziemlich interessant. Die deutschen Bischöfe finden ihn wahrscheinlich nur ärgerlich. Und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), verantwortlich für das Katholikentags-Programm, hat sich schon von ihm und seinem Auftritt distanziert - schon wegen der Bischofskonferenz, die im Hintergrund eindeutige Botschaften vermittelt hat. Es ist halt alles ein großes Spiel um Macht und Einfluss, Diplomatie und Unterwürfigkeit. Die einen dürfen nicht, wie sie wollen. Die anderen sagen, was sie nicht wollen.
So bleiben den Besuchern des Katholikentags nur zwei Lösungen: Herrn Schüller in den Straßen und Cafés der Stadt zu suchen. Oder sich am Samstag nichts weiter vorzunehmen - außer den Besuch in einem ambitionierten Alternativzentrum, gleich hinter dem Hauptbahnhof.
