Die Folgen der Pfarreifusionen
Sie seien eine große Chance für die katholische Kirche: die Fusionen von Kirchengemeinden zu Großpfarreien. Die Kirche sei auf diese Weise dabei, sich neu zu entdecken. Man solle nicht nur den Mangel sehen – die fehlenden Priester, den Schwund an Kirchenmitgliedern –, sondern nach vorne schauen. So heißt es offiziell. Doch wie sieht die Realität aus?
Die Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) in Erfurt – eine Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz – hat jetzt eine kleine Bestandsaufnahme vorgelegt auf der Basis von Befragungen ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in neun deutschen Bistümern.
Das Ergebnis: Begeisterung gibt es kaum. Die Beteiligten gehen eher »pragmatisch« mit den Fusionen um, die ja in den allermeisten Fällen von oben verordnet sind. Im Vordergrund steht die Erfahrung des »Abbruchs«. Viele Gemeindemitglieder betrauern den Verlust von Nähe und Geborgenheit. Sie haben Angst vor einer Zentralisierung. Dass die Kirche nunmehr in neuer Gestalt erstrahlt – dieser Aspekt tauche in den Antworten nicht auf, »das wird eher nicht geglaubt«, heißt es in der Studie.
Die Pfarreien sind mit sich selbst beschäftigt
Und vor allem: Das gesellschaftliche Umfeld der Großpfarrei, der soziale Lebensraum der Menschen, kommt fast gar nicht in den Blick. »Die Pfarreien sind durch die Fusionsprozesse eher mit sich selbst beschäftigt.« Es gebe noch zu wenige Initiativen, die in missionarischer Weise nach »außen« gehen, die Kirche sei noch zu sehr »Thermoskanne, die nur nach innen wärmt«, kommentieren die Autoren.
Erstaunt stellten die Mitarbeiter der Erfurter Arbeitsstelle fest, dass die meisten Befragten erst durch die Studie angeregt wurden, darüber nachzudenken, wofür diese ganzen Fusionsprozesse eigentlich gut sein sollen. Die Grundfrage, wofür die Kirche da sei, werde fast nirgends thematisiert. Die Debatte um Strukturen verhindert die Auseinandersetzung mit Inhalten. Das kann damit zusammenhängen, dass die Fusionsprozesse noch nicht abgeschlossen sind und einigen organisatorischen und strukturellen Aufwand benötigen.
Es spricht aber auch einiges dafür, dass sich darin ein grundlegendes Problem offenbart: die mangelnde Wahrnehmung der Menschen außerhalb der Kirche. »Wir sollten aufhören, immer nur die Gottesdienstbesucher zu zählen, sondern könnten ja auch mal fragen, ob die Armut im Gebiet einer Pfarrei geringer geworden ist«, kommentierte ein leitender Bistumsmitarbeiter auf einer Studientagung in Frankfurt am Main. Dort diskutierten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Bistümer über die Erfurter Studienergebnisse.
»Heilige Anarchie«
Durch die Schaffung großer Räume würden die Pfarreien vielfältiger, kreativer, bunter, lautet ein häufiges Argument für die XXL-Struktur. Dahinter steht die Vision einer Netzwerk-Kirche, einer »Gemeinschaft von Gemeinschaften«. Doch bislang scheint diese Vision nicht recht zu zünden. Die ernüchternde Analyse eines Pastoralplaners: »Der Mehrwert dieser Zusammenführungen wird erhofft, aber nicht erlebt.« Daher rührt der Frust vieler Engagierter. Zumal sich der Eindruck aufdrängt, dass eben doch nur Althergebrachtes in überkommene, nur jetzt noch größere Strukturen verpackt wird. »Der Spielraum für kreativ Unzufriedene ist in den großen Pfarreien bislang eher klein«, hat denn auch der Pastoraltheologe Bernhard Spielberg aus Freiburg beobachtet.
Bei Spielberg und einer Reihe von Hauptamtlichen in den Bistümern taucht eine ganz neue Perspektive auf: die grundsätzliche Relativierung der Pfarrei als zentraler Sozialgestalt der Kirche. Schon jetzt könne in manchem Bistum eine gerade erst errichtete XXL-Pfarrei nicht mehr mit einem leitenden Priester besetzt werden, weil die Priester fehlten, hieß es in Frankfurt. Also folgt auf die XXL-Pfarrei die XXXL-Pfarrei? »Warum denn nicht?«, fragen Spielberg und andere. »Machen wir doch Düsseldorf schon jetzt zu einer großen Pfarrei oder meinetwegen eine Diözese – dann kann dort so etwas wie ›heilige Anarchie‹ herrschen.« Die Hoffnung: Weniger Kontrolle, dafür mehr Freiheit für jene, die sich – vielleicht auch auf neue und originelle Weise – engagieren möchten. Dazu braucht es neue Leitungsmodelle – auch mit Ehrenamtlichen –, ein neues Leitbild für die wenigen Priester, die dann vielleicht gar keine Pfarreileiter mehr sind.
Die Pfarrei ist eine relativ junge kirchliche Organisationsform. Sie scheint heute an Bedeutung zu verlieren, meint Spielberg: »Die Pfarrei relativiert sich zunehmend selbst.« Das aber könnte neue Fantasien freisetzen – ganz im Sinne einer »Kirche für andere«. Doch derzeit scheinen diese Fantasien eher blockiert.
