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Das Fest der kleinen Propheten

Was wäre mit mir, wenn es das Zweite Vatikanische Konzil nicht gegeben hätte? Mein Katholikenleben wäre ein anderes. Gott sei Dank kam es, wie es kam! Fünfzig Jahre nach dem Konzil denke ich in Frankfurt zusammen mit tausend Menschen an die Hoffnung von damals – und feiere das Heute
von Thomas Seiterich vom 21.10.2012
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(Foto: pa/Rainer Witzall)
(Foto: pa/Rainer Witzall)

Ein Fest des geschwisterlichen Glaubens, der Liebe und der politischen Hoffnung: Fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil tragen rund eintausend kritische Katholikinnen und Katholiken aus Deutschland und den Nachbarländern in Frankfurt am Main ihre Erfahrungen zusammen, und ebenso ihre Fragen und Projekte für den weiteren Weg. Heute geht ihre Konziliare Versammlung zu Ende.

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Man stelle sich einmal vor, was wäre mit mir, hätte es das Zweite Vatikanische Konzil nicht gegeben. Eine dumme Frage? Ich denke, das kleine Gedankenspiel lohnt.

Latein wäre die Sprache der Messen; Gehorsam wäre die oberste Pflicht der mausgrauen Gläubigen, die von schwarz gewandeten Geistlichen Herren geführt würden, wie Schafe, die blödesten unter allen Weidetieren. Argwöhnisch würde die klerikale Kirche fremde Religionen und Weltanschauungen bekämpfen, permanent den eigenen Vorrang hervorkehren. Eine intolerante und anmaßende Kampforganisation wäre diese Kirche, in unversöhnlichem Abstand gegenüber einer als gottlos deklarierten Welt. Und sich selbst würde diese katholische Kirche als Societas Perfecta betrachten, als »Vollkommene Gesellschaft«, mit Christus persönlich an der Spitze ihrer männlich-klerikalen Führungspyramide. Es versteht sich von selbst, dass eine so hochmütige Organisation die Bibel nur mit spitzen Fingern anfasste: Denn zu viel Verstörendes und Subversives steht in der Befreiungsbotschaft des Buches der Bücher.

Grausig. Unvorstellbar. – Und ich? Ehrlich gestanden: Vermutlich wäre ich drin in dieser bizarren Kirche. Denn als katholischer Südbadener, dessen Ahnen in wildesten Zeiten der von Prälaten geführten Zentrumspartei und dem Papst treu waren, wäre ich wohl erzkatholisch. Und Sie?

Doch das Konzil (1962 – 1965) hat die Fenster aufgerissen und Wind in die alte, theologisch unfassbar selbstgewisse Kirche hineingelassen. Kaum je in der Geschichte gibt es eine vergleichbare Selbstmodernisierung einer großen, weltanschaulichen Gemeinschaft. Das Konzil diskutierte offen – anders als der XX. Parteitag der KPdSU kurz vor dem Konzil, auf dem Chruschtschow eine Geheimrede halten musste, um mit einem Teil der Verbrechen Stalins abzurechnen.

Den kleinen Prophetinnen und Propheten vom kritischen Flügel der heutigen Kirche, die ich auf der Konziliaren Versammlung in Frankfurt traf, hat das Konzil freie, weitgehend selbstbestimmte Lebenswege eröffnet: Fritz Stahl, Priester in Paris, wurde Arbeiter bei Benz in Mannheim. Marita Estor blieb in ihrer religiösen Gemeinschaft intellektueller Frauen »Gral« und wurde Bonner Ministerialbeamtin, die Politik für Frauen einfädelte. Gregor Schorberger, Pastoralarbeiter, baute die Seelsorge für schwule HIV-Erkrankte auf und koordiniert heute die schwule katholische Gemeinde Frankfurt und ähnliche evangelische und katholische Gemeinden in anderen Städten Deutschlands.

Die große, politisch-theologischen Gesamtentwürfe gehören der Vergangenheit an. Über der großen Rede, die der 84-jährige Tübinger ökumenische Theologie Hans Küng bei der Konziliaren Versammlung in der Frankfurter Paulskirche hielt, lag ein Hauch von Abschied – und Festhalten, denn die Reformer und Gerechtigkeitssucher geben ihren Kampf in Gesellschaft und Kirche ja nicht auf.

Und die kleinen Propheten – von denen bereits die Hebräische Bibel, das so genannte Alte Testament reich ist? Sie deuten die Zeichen der Zeit in ihrer Lebenswelt und handeln entschlossen: Die Missionsärztliche Schwester Mariotte und die Pastoralreferentin Monika Stanossek in der ökumenischen Sozialpastoral im gastgebenden Frankfurter Gallus, einem Viertel, das von Prekariat, Verarmung und brutalem Strukturwandel geprägt ist. Ferdi Kerstiens, Pfarrer in Marl, und Christel Bumann im Freckenhorster Kreis, der Solidaritätsgruppe im Bistum Münster und in der Brasilienarbeit. Martin Herndlhofer, langjähriger Nord-Süd-Referent bei Pax Christi in der gemeinschaftlichen Analysearbeit über die Zusammenhänge zwischen heutigem Kapitalismus und heutigen Religionsformen.

Wärme und Optimismus lässt die Konziliare Versammlung bei den vielen einzelnen zurück; Kraft, die frau und man braucht für den alltäglichen Widerstand und die nötige Solidaritätsarbeit. Kraft auch, das eigene Leben zu meistern, denn die viele dieser kleinen Propheten stehen im siebten, achten oder neunten Lebensjahrzehnt.

Wie heißt es beim Propheten Elia? Als er dank Gottes hartnäckiger, patenter und einfühlsamer Zuwendung von seinen anhaltenden Depressionen genesen war? »In der Kraft dieser Speise« setzte er seinen Weg fort.

In diesem Sinn ist die Konziliare Versammlung eine kräftige, gut gewürzte, von vielen Köchinnen und Köchen zubereitete Speise, ein Festmahl für die kritischen Christinnen und Christen auf ihrem weiteren Weg.

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Seiterich (57) ist Publik-Forum-Redakteur und langjähriger Vatikan-Experte der Zeitschrift. Mehr zum Thema? Klicken Sie ins Info-Kästchen am Beginn dieses Textes! Und in der kommenden Print-Ausgabe von Publik-Forum lesen Sie einen mehrseitigen Sonderteil zur Konziliaren Versammlung. Interesse an einem Probe-Abo? Sie können es ab sofort hier online bestellen. Sie möchten mehr über den Autor dieses Beitrags erfahren? Über die Biografie von Dr. Thomas Seiterich finden Sie Informationen in unserem Channel »Wir über uns« auf Publik-Forum.de
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