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Die katholische Seelsorgerin

Gertrud Jansen entlastet den Pfarrer in ihrer Gemeinde. Sie hält Wortgottesdienste und übernimmt die seelsorgerische Betreuung bei Beerdigungen. Wie können Frauen in der Kirche an Einfluss gewinnen? Unsere Leserfrage
von Markus Dobstadt vom 28.06.2012
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»Ich denke, ich bereite hier ein bisschen den Weg dafür, um die psychologische Hemmschwelle dafür zu überwinden, dass Frauen in der Kirche Dienst tun können«, sagt Gertrud Jansen, die sich in einer katholischen Gemeinde des Bistums Aachen sehr engagiert
»Ich denke, ich bereite hier ein bisschen den Weg dafür, um die psychologische Hemmschwelle dafür zu überwinden, dass Frauen in der Kirche Dienst tun können«, sagt Gertrud Jansen, die sich in einer katholischen Gemeinde des Bistums Aachen sehr engagiert

Margret Hillers, Frankfurt: Ich bin evangelische Christin und mit einem Katholiken verheiratet. Ich sehe Reformbemühungen in beiden Kirchen. Was können Mitglieder tun, um sie zu fördern?

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Publik-Forum nimmt diese Frage einer Leserin zum Anlass, sich mit Aspekten der Reform in der katholischen wie der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. Im fünften Teil der Serie zur Kirchenreform zeigt Gertrud Jansen, dass Frauen mit etwas Mut in der katholischen Kirche auch im Rahmen des geltenden Kirchenrechts viel bewirken können. Allerdings nur, solange sie der Pfarrer lässt.

Die katholische Gemeinde St. Nikolaus in Brüggen, in der Gertrud Jansen mitwirkt, liegt 25 Kilometer westlich von Mönchengladbach, direkt an der deutsch-holländischen Grenze.

Frau Jansen, Sie engagieren sich sehr in Ihrer Kirchengemeinde. Was machen Sie dort?

Gertrud Jansen: Ich bin zum Beispiel beauftragt, Beerdigungen seelsorgerisch zu betreuen. Das ist im Bistum Aachen nichts Ungewöhnliches. Hier gibt es 250 Laien, Männer und Frauen, die beerdigen. Ich habe dafür ein Seminar besucht, das rund ein Jahr dauerte. Wir haben uns alle zwei Wochen getroffen. Der Pfarrer kann nicht mehr alles machen. Daher bietet unsere Gemeinde einmal im Monat statt der Vorabendmesse einen Wortgottesdienst an, den ich drei- bis viermal im Jahr gestalte und leite. Einen Sonntagsgottesdienst gibt es bei uns nicht mehr.Gepredigt habe ich schon früher, auch in Eucharistiefeiern, als es das Verbot noch gar nicht gab. Für Wortgottesdienste besteht dieses Verbot aber nicht.

Sie waren auch lange im Pfarrgemeinderat aktiv, haben sich aber aus Verärgerung nicht mehr aufstellen lassen. Warum?

Gertrud Jansen: Ich war acht Jahre lang Pfarrgemeinderatsvorsitzende. In den neunziger Jahren ging das los mit den Gemeindezusammenlegungen. Wir wurden zunächst aufgefordert, mit zwei Gemeinden zu einer »Gemeinschaft der Gemeinden«, wie das hier heißt, zusammenzuwachsen. Wir waren mit den anderen beiden Gemeinden auf einem guten Weg. Doch kurz vor dem Zusammenschluss bekamen wir noch drei weitere Gemeinden hinzu. Wir hatten mit denen bislang gar nichts am Hut. Begründet wurde das mit dem Priestermangel. Wir haben angefangen, uns vehement dagegen zu wehren. Dann wurden einzelne Mitglieder des Pfarrgemeinderats, meist in Einzelgesprächen, von dem Pfarrer bearbeitet.Bis alle zugestimmt haben. Ich war schließlich noch als einzige dagegen. Dann habe ich als Vorsitzende zähneknirschend doch unterschrieben. Am meisten hat mich geärgert, dass es in dem Vertrag so aussah, als hätten wir freiwillig zugestimmt. Daraufhin habe ich mich nicht mehr aufstellen lassen.Pfarrgemeinderäte erscheinen mir inzwischen als ein scheindemokratisches Gremium. Die eigentlichen Entscheidungen werden woanders getroffen. Ich arbeite seither mehr in der Seelsorge.

Wie kamen Sie zu Ihrem kirchlichen Engagement?

Gertrud Jansen: Ich war lange bei der Katholischen Jungen Gemeinde aktiv, es war das Gemeinschaftserlebnis, das mich dort gereizt hat. Ich habe mich für ein Amt in der Kirche berufen gefühlt und mich dann bei der Initiaitive Maria von Magdala engagiert, die sich für den Zugang für Frauen zu allen kirchlichen Ämtern einsetzt. Dann habe ich eine dreijährige Ausbildung zur Diakonin gemacht. Zwölf Frauen waren in dem Kurs. Er wurde vom Netzwerk Diakonat angeboten und bot die gleiche Ausbildung, die auch die Männer durchlaufen, nur dass wir eben keine Weihe haben. Die Ausbildung endet mit einem Zertifikat.Nach einen zweiten Kurs gibt es derzeit keinen dritten, weil manchen der Referenten von der Kirchenleitung mit Konsequenzen gedroht wird.

Was war das für ein Gefühl? Sie wollten katholische Priesterin werden, aber Sie konnten nicht? Dachten Sie daran, zu konvertieren?

Gertrud Jansen: Das habe ich zigmal erwogen. Aber das Evangelische ist nicht meins, das ist mir zu verkopft. Ich liebe die Rituale, den Weihrauch. Die andere Alternative ist die alt-katholische Kirche. Aber das kann ich nicht leben vor Ort. Die nächste Gemeinde ist weit entfernt. Und Stellen haben die auch keine. Zudem bin ich bis vor vier Monaten Religionslehrerin in der Grundschule am Ort gewesen. Ich hätte die Missio verloren und nicht mehr unterrichten dürfen. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und habe 40 Jahre hier gearbeitet, ich wollte nicht weggehen.

Die Männer in der Gemeinde akzeptieren Sie?

Gertrud Jansen: Im Februar habe ich den Blasiussegen, der hier noch sehr nachgefragt wird, ausgeteilt. Ich fand es sehr anrührend, dass auch gestandene Männer zu mir kamen und sich segnen ließen. Ich denke schon, dass sie mich akzeptieren. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich in Vereinen mitmache. Ich bin im Vorstand des Schützenvereins. Und führe dort mit vielen Männern Gespräche. Ich segne manchmal an Allerheiligen die Gräber. Der Pfarrer kann nicht in allen seinen Gemeinden sein. Und der Karnevalverein hat mich vor kurzem gefragt, ob ich die übliche »Messe der Freude« als Wortgottesdienst übernehmen könne, der Pfarrer war gerade in Israel. Ich habe die Predigt in Reimform wie eine Büttenrede gehalten und anschließend einen Orden bekommen. Ein Mann sagte mir danach: »Wör brueke dä Pastuer jar nit, du kanns dat jenauso jut«. Das macht mir Mut, weiterzumachen.

In den liturgischen Dienst bin ich über die Schulgottesdienste gekommen, die der Pastor auch nicht mehr alle leisten konnte. Die Leute haben sich daran gewöhnt, dass das eine Frau macht. Ich begleite zum Beispiel auch die Kevelaer-Pilger unterwegs und halte mit ihnenden Gottesdienst auf dem Rückweg. Ich bin mit dem Kirchenchor und den Schützen nach Rom gefahren und habe dabei die geistliche Begleitung übernommen.

Sie sind quasieineSeelsorgerin in der Gemeinde.

Gertrud Jansen: Ja, viele Leute sagen, der Pastor muss immer von einer Gemeinde zur anderen rasen, als wäre er auf der Flucht. Sie kommen dann zu mir mit ihren Anliegen. Neulich rief eine ehemalige Schülerin an, die Mutter ist ein Pflegefall geworden, der Freund hat sich von ihr getrennt. Wir haben zwei Stunden telefoniert. Das ist Seelsorge.

Sehen Sie das als kleine Kirchenrevolution an? Was Sie machen, ist ja nicht gerade üblich.

Gertrud Jansen: Ich denke, ich bereite hier ein bisschen den Weg dafür, um die psychologische Hemmschwelle dafür zu überwinden, dass Frauen in der Kirche Dienst tun können. Die Kinder wachsen damit auf, mich am Altar zu sehen. Auch die Erwachsenen sind das gewohnt. Sie kennen michzum Teil von den Beerdigungen. Manche wollen eigens mich dafür. Der Weg kann nur von unten gehen, Ämter für Frauen zu öffnen. Abermanchmal werdeich von Mitgliedern anderer Diözesen auch angeguckt, als käme ich von einem anderen Stern.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Pfarrer?

Gertrud Jansen: Ein gutes.Er lässt vieles zu. Es kommt immer darauf an, ob der Pfarrer mitmacht. Bei den drei hinzugefügten Gemeinden, für die ein zweiter Pfarrer zuständig ist, gibt es das nicht, dass Laien beerdigen oder Wortgottesdienste halten.

Alle Freiheiten hängen von der Person des Pastors und des Bischofs ab?

Gertrud Jansen: Ja, solange ich kein Amt habe, habe ich kein Recht. Wenn jetzt der nächste Pastor käme und mit einem Federstrich alles wegwischen würde, hätte ich kein Recht mehr, das zu tun.Obwohl das alles noch im legalen Bereich ist. Das könnten Frauen in anderen Gemeinden auch machen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Kirche ändert?

Gertrud Jansen: Ich habe wenig Hoffnung. Das einzige, was ich beobachte und als Zeichen des Heiligen Geistes sehe, ist, dass die Kirche immer weniger Priester hat und immer mehr versucht, die Aufgaben zu strecken – was nicht geht – und die Pfarrer überfordert. Die Bischöfe werden auf diese Weise die Kirche gegen die Wand fahren. Dann werden wir sehen, was sich dann ergibt. Ich für meinen Teil versuche, Leute aufzubauen.

Was können Gläubige tun, die keinen aufgeschlossenen Pfarrer haben?

Gertrud Jansen: Sie könnten über den Pfarrgemeinderat versuchen, Diskussionen anzustoßen. Ich habe die Beerdigungsbeauftragung in der Gemeinde bekommen, als ich Pfarrgemeinderatsvorsitzende war. Der Pfarrgemeinderat musste dazu gehört werden und hat sich dafür ausgesprochen. Gegen pastorale Teams anzuarbeiten, bringt nichts.

Man braucht Mut und Durchsetzungsvermögen?

Gertrud Jansen: Man muss schauen, wo Leerräume sind. Wenn die Schützen zum Beispiel einmal niemanden haben, der ihr Silber segnet, dann sind sie froh, wenn ich da bin. Der Pastor kann sich nicht dreiteilen. Wenn Not ist, komme ich. Den Mut dazu muss man schon haben. Die meisten haben nichts dagegen, wenn Frauen einspringen. Obwohl ich kürzlich ein Gegenbeispiel gehört habe, das mir die Sprache verschlug. Acht Gemeinden waren an Fronleichnam ohne Priester und haben einen Wortgottesdienst gefeiert. Die Wortgottesdienstleiter und -leiterinnen sollten abwechselnd die Monstranz tragen. Doch die Schützenbrüder haben sich geweigert, den Baldachin zu halten, wenn die Monstranz von einer Frau getragen wird. Das wäre bei uns nicht passiert! Aber auch von unseren sechs Schützenbruderschaftenhaben nur zwei oder drei Frauen als Mitglieder. Das ist erst im Kommen. Das sind alles Bastionen, die wir noch erobern müssen. Als ich bei uns im Ort in den Schützenverein eintrat, haben sie mich gefragt: »Willst du Königin werden?« »Nein, Präses«, habe ich ihnen geantwortet. »Ich will die geistliche Begleiterin sein.«

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