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Entfesselte Gewalt

von René Girard vom 20.11.2015
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»Hätte man uns vor dreißig Jahren gesagt, dass der Islamismus die Nachfolge des Kalten Krieges antreten würde, hätten wir darüber gelacht. (...) Zerstört man heute nicht allein um des Zerstörens willen? Heute scheint die Gewalt vorsätzlich angewendet zu werden, und Politik wie Wissenschaft stehen im Dienste der Steigerung bis zum Äußersten (...). Die Massaker an Zivilisten, die wir heute erleben, sind (...) fehlgeschlagene Opferungen; sie zeugen von der Unmöglichkeit, Gewalt mittels Gewalt aufzulösen... Wenn zwei Gruppen sich gegenseitig zum Äußersten treiben, misslingt die Konfliktlösung häufig, wie wir etwa an den Tragödien in Jugoslawien oder Ruanda sahen. Heute muss uns die Konfrontation zwischen Schiiten und Sunniten im Irak und im Libanon (...) mit großer Sorge erfüllen. So gesehen ist Bush die perfekte Karikatur eines Politikers, der unfähig ist, apokalyptisch zu denken. Nur eines hat er geschafft, nämlich die mehr schlecht als recht aufrechterhaltene Koexistenz zweier seit jeher verfeindeten Brüder zu zerstören. Im Vorderen Orient, wo sich Schiiten und Sunniten zum Äußersten treiben, ist von nun an mit dem Schlimmsten zu rechnen. (...) Das Hin und Her von Attentaten und amerikanischen »Interventionen« wird sich unweigerlich immer mehr beschleunigen, indem beide Seiten aufeinander antworten (...). Die Steigerung bis zum Äußersten ist ein vollkommen irrationales Phänomen, von dem meiner Meinung nach allein das Christentum Rechenschaft ablegen kann. Denn das Christentum offenbarte vor mehr als zweitausend Jahren die Sinnlosigkeit von Opfern, zum Ärger derjenigen, die weiterhin an ihren Nutzen glauben wollen. Jesus Christus hat den Menschen ihre Opfer-Krücken genommen und sie vor eine schreckliche Wahl gestellt: entweder an die Gewalt zu glauben oder nicht mehr an sie zu glauben. Das Christentum ist der Unglaube.«

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