Warum bin ich noch in der katholischen Kirche?
Es ist zum Kotzen. Und zum Heulen. Zum Verrücktwerden und zum Verzweifeln. Ich habe die katholische Kirche gemocht, von Kindesbeinen an. Ich schätzte ihre Kunst, die Symbolik ihrer Riten, das Temperament der aufbrausenden Orgel und die verschwebende Stille, die sie hinterließ. Schon als Kind hörte ich fasziniert die Geschichten von Jesus und las die Biografien von Heiligen, von Franziskus bis Oscar Romero. Als Ministrant sah ich aus nächster Nähe Hochzeitspaare, die vor Glück weinten, und Trauernde, die unter Tränen ins Grab starrten, während der Pfarrer halblaut betete: Zum Paradiese mögen dich die Engel geleiten. Insgeheim hoffte ich, dass es stimmen möge. Später bewunderte ich das Mönchtum, das mit seinem Sinn für Schönheit, Form und Gastfreundschaft Kulturlandschaften prägte. Ich liebe es bis heute, wenn ich mich in ein Kloster zurückziehen kann – und es hat mich schon als junger Mann beeindruckt, dass Karmelitinnen an den Außenmauern des Konzentrationslagers Dachau ein Leben im Gebet führen und durch ihre Präsenz die Musealisierung der Gedenkstätte verhindern.
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