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Buchbesprechungen
Macht hat viele Gesichter

Wie entstehen Widerstand, Verfolgung und politische Ohnmacht? Neue Bücher untersuchen alte Konflikte – und zeigen, wie fragil Freiheit bleibt.
vom 08.09.2026
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Joseph Croitoru
Die Hisbollah
C. H. Beck. 178 Seiten. 18 €

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 17/2026 vom 17.09.2026, Seite 56
Lust an der Zerstörung
Lust an der Zerstörung
Warum wählen so viele Menschen die AfD?
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Ab dem 10. Jahrhundert sind Schiiten im multireligiösen Libanon präsent. Dschabal Amil im Südlibanon wird im 15. Jahrhundert sogar zum wichtigsten schiitischen Gelehrtenzentrum. Beziehungen reichten von dort bis Irak und Iran und setzen sich bis heute fort. Schnell kommt der Autor zur neueren Geschichte, die Gründung der Hisbollah Anfang der 1980er-Jahre unter Mithilfe Irans. Sachkundig wird der Aufstieg der Hisbollah zum Staat im Staat beschrieben, ebenso die Ermordungen von Hisbollah-Führern durch Israel und das Hisbollah-Feindbild. Etwas kurz gerät die israelische Besetzung des Südlibanon von 1978 bis 2000, die den libanesischen Widerstand befeuerte. Der Historiker schreibt kenntnisreich über die wachsende Akzeptanz der Hisbollah bei den Libanesen bis hin zur »Achse des Widerstands« – aber deutet auch die Grenzen der Solidarität an. Ob die »Achse des Widerstands«, wie Netanjahu behauptet, unterbrochen ist, stellt der Autor nach den israelischen »Präventivschlägen« gegen Syrien infrage.

Wiltrud Rösch-Metzler

Richard Hartmann
Die Kirche und ihre Ämter neu denken
Patmos. 112 Seiten. 16 €

Der emeritierte Pastoraltheologe aus Fulda fordert in diesem Zwischenruf einen längst fälligen Perspektivwechsel für die Kirche in unseren Breiten: Sie soll nicht mehr vom Amt her denken, sondern von ihrer Aufgabe. Konsequent wird die Gestalt des Priesteramtes von der Reich-Gottes-Botschaft Jesu aus gedacht. Die in Christus gründende Sakramentalität der Kirche soll sie durchsichtig machen auf Gott. Jede Struktur muss letztlich Antwort auf die Frage geben, wie die Kirche der Gegenwart beschaffen sein muss, damit sie Menschen glaubwürdig und qualitätsvoll bei der Deutung ihrer Biografie begleiten kann. Standesdünkel und Amtsgehabe wird daran zerbrechen. Der Autor entwirft hier einige Linien, die nicht zuletzt auf die letzten beiden Päpste und den Synodalen Weg in Deutschland zurückgreifen. Viel Stoff zum Weiterdenken und -tun. Mathias Wolf

Kai Lehmann
Hexen vor Gericht!
Herder. 432 Seiten. 28 €

Der Historiker und Museumsdirektor beschäftigt sich seit Jahren mit der Alltagsgeschichte der Frühen Neuzeit. Unter anderem hat er eine umfangreiche Datenbank zu Hexenprozessen in Deutschland aufgebaut. Hunderte Verfahren stellt er im Buch vor, sie lassen die massenweise Verfolgung vor allem von Frauen in ihrer unerträglichen Brutalität anschaulich werden. Lehmann nennt Krisen wie die Kleine Eiszeit, Seuchen und Kriege, aber auch Nachbarschaftsstreit und die Angst vor Kontrollverlust als Auslöser. Dazu beleuchtet er die Rolle früher Massenmedien wie Flugschriften und Predigten. Trotzdem bleibt bei der Lektüre Ratlosigkeit zurück. Und Entsetzen, in welchen kollektiven Wahn Menschen sich hineinsteigern können. Eine faktenreiche Einführung in einen sehr dunklen Teil unserer Geschichte. Antje Schrupp

Philipp Lepenies
Souveräne Entscheidungen
Suhrkamp. 264 Seiten. 20 €

Der Berliner Politikwissenschaftler analysiert Wegmarken der Demokratiegeschichte. Besonders interessiert ihn das »Werden und Vergehen der Demokratie«. Mit Blick auf das Ausland steht die verschlungene Entwicklung in England, Amerika und Frankreich im Vordergrund, mit Blick auf Deutschland die kurzlebige Mainzer Republik, das Projekt der Frankfurter Nationalversammlung und die Weimarer Republik. Diese werden jeweils anhand eines Protagonisten abgehandelt. Die erste parlamentarische Demokratie im Deutschen Reich wird etwa am Beispiel des Staatsrechtlers Hugo Preuß erklärt, des Vaters der Weimarer Verfassung. Lepenies sieht in seiner reflektierten Studie die gegenwärtige Demokratie als fragil an. »Man kann sich nicht darauf verlassen, dass sich der Souverän automatisch immer für sie entscheidet.« Eckhard Jesse

Fabian Vogt
Verzeihen Sie bitte!
Gütersloher Verlagshaus. 186 Seiten. 20,80 €

Vergeben statt vergelten: unzeitgemäß? Nein, meint der evangelische Theologe. Gegen die wachsende Gnadenlosigkeit setzt er die befreiende Kraft der Vergebung. Wer verzeiht, löse sich aus der Opferrolle und mache sich frei von Rache: »Meinen Hass bekommt ihr nicht.« Als Quellen des Verzeihens nennt Vogt biblische Gedanken und religiöse Erfahrungen. Er zeigt, was Gnade, Freiheit und Heil bewirken können. Dabei bezieht er sich auf den US-amerikanischen Psychologen Robert Enright. Dieser schlägt vier Schritte vor: eigene Wut freilegen – sich zur Vergebung entschließen – am Vergebungsprozess arbeiten – sich aus dem Gefängnis der Emotionen befreien. Übungsmöglichkeiten gibt es genug. Höchste Zeit also, so Vogt, einen kollektiven Mut zum Verzeihen zu entwickeln! Marie-Luise Habbel

Kohei Saito
Am Ende des Fortschritts
dtv. 368 Seiten. 26 €

In seinem neuen Buch entpuppt sich der marxistische, japanische Philosoph als Meister der Stringenz. Das ist die Stärke, aber auch die Schwäche des Werks. Denn Saito sieht nur zwei Möglichkeiten. Die eine ist das »Weiter-so«: Dann werde der Kapitalismus durch die Folgen der Klimakrise und die Knappheit an Rohstoffen in Diktaturen münden, in denen sich die Herrschenden ihre Pfründe gegen die Bevölkerung sichern. Es drohe ein »Endzeitfaschismus«. Als Alternative fordert Saito einen »dunklen Sozialismus«, in dem der Staat die immer knapper werdenden Güter und die Lebenschancen gerecht verteilt. Die Schärfe der Argumentation hinterlässt Eindruck. Allerdings ignoriert der Autor, dass Entwicklungen nie linear verlaufen. Auch im Kapitalismus und unter den Eliten gibt es unterschiedliche Interessen. Widerstandsbewegungen und Oppositionsgruppen sorgen für überraschende Wendungen. Wer hat die Friedliche Revolution vorhergesehen? Auch das System Orbán wurde besiegt. Trotz des Mangels an Zwischentönen ist das Buch lesenswert – vorausgesetzt, man verträgt eine Prise Apokalypse. Am Ende wissen Leser immerhin, was droht, wenn die Menschen in Gleichgültigkeit oder Angst erstarren. Wolfgang Kessler

Ai Weiwei
Über Zensur
Westend. 126 Seiten. 20 €

Der vielfach ausgezeichnete, couragierte, agile chinesische Künstler schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe, dass Deutschlands Meinungsfreiheit in Gefahr sei. Ist denn »das Gespenst der Zensur jemals wirklich verschwunden oder hat es lediglich ein zivilisierteres Erscheinungsbild angenommen?«, fragt Weiwei. Druck und Kontrolle von außen spiegeln sich in der Selbstzensur zugunsten wohlfeiler Ansichten. Doch stimmt das? Weiwei legt eine markante Beschreibung und Analyse der Zensur vor – von China über westliche Gesellschaften bis zur KI. Zensur fördere die Konformität der Bevölkerung und schaffe ein dominierendes Feld des Mainstream-Bewusstseins; sie diene der Herrschaftssicherung: »Die Daten zum Klimawandel beispielsweise sind von Regierungen und profitgetriebenen Interessengruppen konsequent unterdrückt worden.« Allerdings wendet sich Weiwei auch gegen das Verbot von Hatespeech (Hassrede) und gegen die Woke-Bewegung, obwohl es dabei überwiegend um den Schutz von Minderheiten geht. Ein wichtiges Buch zur Debatte.

Norbert Copray

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