Editorial
Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, die Fußballkirche in Dortmund und Vertrauen in Kinder und Eltern
trotz aller Prognosen: Dieser Wahlabend tat mir beinahe körperlich weh. 43,8 Prozent für die AfD. Ich saß vor dem Fernseher und merkte, wie sich Angst breitmachte – vor der Zukunft, der Frage, wie es weitergeht für die Menschen in Sachsen-Anhalt und in ganz Deutschland. Und ob dieses Ergebnis der entscheidende Schritt einer unaufhaltsamen Entwicklung ist.
Die AfD hat es in Sachsen-Anhalt zur Volkspartei gebracht, ist bundesweit in Umfragen seit Monaten stärkste politische Kraft. In unserer Titelgeschichte fragen wir, warum so viele Menschen sie wählen – und was hinter der Lust am Bruch steckt. Warum kann es attraktiv sein, Bestehendes einzureißen, statt es zu verbessern? Woher kommt der Wunsch, alles auf den Kopf zu stellen? Was passiert, wenn aus Frust und Verunsicherung die Sehnsucht nach Zerstörung wird?
Dass Veränderung auch anders aussehen kann, zeigt der Text »Glaube, Liebe, Fußball« über die BVB-Gründerkirche in Dortmund. Dort wird die Kirche, in der vor mehr als 100 Jahren der Verein Borussia Dortmund gegründet wurde, neu belebt – mit Fußball, Seelsorge und sozialem Engagement. Fußballverein und Kirche versuchen gemeinsam, einen Ort zu erhalten, indem sie ihn verändern. Eine Geschichte über Tradition, Zugehörigkeit und die Frage, was geschieht, wenn man Bestehendes nicht einreißt, sondern etwas Neues daraus entstehen lässt.
In »Vertraut den Kindern«, schreibt Anne Lemhöfer über den Kinderpsychiater Michael Winterhoff, dessen autoritäre Vorstellungen von Erziehung lange erheblichen Einfluss hatten. Sie plädiert für etwas, das viel schwieriger sein kann als Kontrolle: Vertrauen – in die Kinder und in die eigene Fähigkeit, sie zu begleiten.
In unübersichtlichen Zeiten scheint die Versuchung groß, nach einfachen Antworten, Kontrolle oder dem großen Schnitt zu suchen. Aber manchmal beginnt Veränderung gerade dort, wo Menschen bleiben, zuhören, widersprechen – und gemeinsam nach einer Lösung suchen.
Ich wünsche Ihnen Mut und eine den Horizont erweiternde Lektüre
Nana Gerritzen ist Redakteurin bei Publik-Forum.

