»Wir werden ohne Grund verdächtigt«
Publik-Forum: Die Terror-Miliz »Islamischer Staat« verübt im Irak Gräueltaten. Was löst das in den Moscheegemeinden aus?
Aiman Mazyek: Offen gesagt: Mich ärgert diese Frage sehr. Denn die im Zentralrat vertretenen muslimischen Verbände haben diese Terroristen, die den Islam völlig missverstehen und missbrauchen, bekämpft, als Deutschland zu den Terrortaten der IS in Syrien schwieg. Damals waren vor allem Muslime die Opfer des IS-Terrors. Bevor der IS den Irak überfiel, hat die Terror-Miliz in Syrien Tausende Muslime gefoltert, vergewaltigt, gekreuzigt und getötet. Im Westen, auch in der arabischen Welt nahm man davon kaum Notiz. Auch die muslimischen Gelehrten wurden zu spät wach. Die große Anteilnahme herrscht, seit Christen und Jesiden im Irak zu Opfern wurden. Ich plädiere dafür, die Vorgänge von ihren Anfängen her zu betrachten. Dann tritt zutage: Als alle noch wegschauten, waren die Muslime die Ersten, die diese Terroristen bekämpft haben.
Sechs britische Imame haben eine Fatwa, gegen religiösen Terrorismus erlassen. Über vierzig deutsche Islamtheologen distanzieren sich theologisch in aller Schärfe – sind das Vorbilder für ihre Gemeinden?
Mazyek: Ja selbstverständlich. Es gibt darüber hinaus noch viele weitere, gute, theologisch begründete Verurteilungen.
Weshalb dringen Sie damit so wenig durch?
Mazyek: Wir haben als Zentralrat gerade erst eine öffentliche Erklärung zum IS herausgebracht. Darin verurteilen wir die Verfolgung der Christen und Jesiden im Irak scharf und untermauern dies theologisch.
Werden Sie gehört? Auch von Jungen?
Mazyek: Die jungen Desperados der IS tauchen in unseren Gemeinden nicht auf. Denn da wird der Islam auf die rechte, friedliche Weise gelehrt. Doch wir wollen viel lauter werden. Deshalb werden die Muslime nach dem Freitagsgebet am 19. September in einer deutschlandweiten Kundgebung aufstehen für den Frieden. Hierzu rufen alle vier großen Islam-Verbände auf. Wir werden uns äußern zu der Gewalt und zu den Verdächtigungen, die wir hierzulande gegenwärtig erleben, und zu den Kriegen im Nahen Osten, in denen Menschen jeder Religion sterben.
Halten Sie die Leiden für vergleichbar?
Mazyek: Es geht keinesfalls darum, in eine Opferkonkurrenz zu treten. Doch in Syrien sind es vor allem Muslime, die abgeschlachtet werden. Dies wird in der hiesigen Öffentlichkeit häufig unterschlagen. Stattdessen wird allzu oft eine nicht hinnehmbare Verbindung zwischen terroristischer Gewalt und Islam konstruiert. Dies bringt uns deutsche Muslime in Not.
Wie ist das zu verstehen?
Mazyek: Es häufen sich Brandanschläge auf Moscheen. Die Stimmung im Land ist nicht gut. Die Entfremdung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen hat einen gefährlichen Grad erreicht. Hassideologen schüren diese Stimmung weiter. Viele Muslime erfahren hier Alltagsrassismus und Gewalt. Doch sie sagen Nein zu jedem Terrorismus.
