Wer ist Deutschland?
Deutschland ist ein Land der Vielfalt. Jeder Dritte hat heute in der Verwandtschaft jemanden mit Migrationshintergrund. Das sagt die Statistik. Genau genommen haben wir ihn aber alle, diesen Hintergrund mit dem schönen Fremdwort im Namen. Migration können wir nämlich in Deutschland! Wer nur weit genug in seinem Stammbaum zurückgeht, findet irgendwann keine Deutschen mehr. Sondern Kelten, Sachsen, Franken, Römer. Vielleicht sind auch ein paar Wikinger dabei. Und, nicht zu vergessen, Slawen.
Erst im 19. Jahrhundert entsteht eine deutsche Nation, getragen von der Idee der Einheit und Freiheit. Doch mit diesem im Grunde schönen Gedanken geht leider von Beginn an auch Ausgrenzung einher. Wer gehört nicht dazu? Und was muss man tun, was leisten, um dazuzugehören? Die Antwort auf diese Frage fällt je nach politischem Kalkül der Herrschenden und nach Lebensgefühl der Mehrheitsgesellschaft unterschiedlich aus. Du bist draußen! Du bist drin! Darüber entscheiden immer die, die gerade das Heft in der Hand halten.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich an dieser Grundkonstellation nichts Wesentliches geändert. Wer ist Deutschland? Die Umfragen in diesem Land sprechen eine eindeutige Sprache: Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft fürchtet sich vor »Überfremdung« und »Verdrängung«. Und obwohl jeder dritte Mensch in Deutschland einen verwandtschaftlichen Migrationshintergrund hat, wird aus dieser Realität keine Identität geformt. Vielmehr fallen Realität und Identität in Deutschland auseinander. Die Deutschen sind nicht stolz auf ihren Multikulti-Hintergrund. Und schon gar nicht auf ihre Multikulti-Gegenwart. Dass es so etwas wie die »Einheit der Verschiedenen« geben könnte, ist ihnen unheimlich.
Das ist verrückt. Denn jene, die diesen Ängsten Taten folgen lassen – die Pegida-Demos bevölkern, Muslime bedrohen und Juden am liebsten nach Israel auswandern sähen –, sind selbst »die Anderen«. In einem Land, in dem Verschiedenheit zum Erkennungsmerkmal der Nation geworden ist, sind sie allein nicht (mehr) »das« Volk. Es scheint eine schwierige Übung zu sein, diesen Tatbestand begreifen zu lernen.
Wie können, wie sollen sich jene verhalten, denen »Fremdsein« zugeordnet wird? In der Geschichte Deutschlands finden sich darauf verschiedene Antworten. Man kann sich der Mehrheit anzupassen suchen. Man kann eine Elite bilden, an der niemand vorbei kann. Oder man kann gemeinsam mit anderen einem zentralen Ideal folgen und es mit Leben füllen. Einem Ideal, das jenseits von Ethnien, Religionen und Kulturen viel Wert hat. Im Deutschland der Gegenwart ist das zum Beispiel die Demokratie, die wir als Idee wiederum Ausländern verdanken, nämlich den Griechen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Fest steht: Wo Zuwanderung Realität war und ist, folgen ihr automatisch – ohne dass irgendjemand das verhindern könnte – soziale und politische Veränderungen. Es folgen Konflikte und die Herausbildung neuer Identitäten. Deshalb braucht »das postmigrantische Deutschland ein neues Narrativ, das ausgeht von den neuen Fakten«, sagt die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan. Sie selbst ist 1971 in Boppard geboren und lehrt an der Berliner Humboldt-Universität. Ihr Nachname ist Farsi, übersetzt heißt er »Bescheidenheit«. Ein ziemlich häufiger Familienname in persischen Welten. Frau Foroutan aber ist Deutsche. Postmigrantisch eben.
Nach Deutschland wandern pro Jahr etwa eine halbe Millionen Menschen ein. Die Zahl war in den 1990er-Jahren schon mal höher. Seit den 1960er-Jahren sind wir ein Einwanderungsland – nur nehmen die Deutschen das erst seit wenigen Jahren so richtig wahr. Warum sie jetzt Angst vor »den Fremden« bekommen, von denen viele bereits »die Einheimischen« sind? Wahrscheinlich deshalb, weil sie mehr als vierzig Jahre brauchten, um zu begreifen, dass Menschen, die kamen, nicht wieder gingen.
Parallelgesellschaften waren lange eine deutsche Realität. Jetzt aber gibt es keine Möglichkeit mehr, die Wirklichkeit zu leugnen: Es existiert ein Staat, in dem die Verschiedenen eine Nation der Vielfalt bilden. Wir müssen es nur noch erzählen lernen, sagt Naika Foroutan. Wenn sie da mal recht hat.
Was die Pegida-Bewegung anrichtet, was jüdische Deutsche nach den immer neuen Friedhofs-Schändungen denken (wenn sie nicht gleich aus Verzweiflung auswandern) und warum fast alle Muslime, die sie kennt, sich neuerdings dauernd für ihren Glauben meinen rechtfertigen zu müssen, geht ihr nicht aus dem Kopf. »Die Deutschen können keine Vielfalt«, lautet ihr Urteil. Aber sie fragt sich: »Warum eigentlich? Müsste doch ganz einfach sein! Jeder von uns ist ziemlich multikulti. Müssen wir nur mal drüber nachdenken ...«
