Religion, ein Problem der Weltpolitik
Der Erdrutschsieg des Hindu-Nationalisten Narendra Modi bei der Wahl in Indien – der größten Demokratie der Erde – wirft ein Schlaglicht auf die politische Brauchbarkeit und Power der Religion.
Der indische Subkontinent – von über einer Milliarde Bürger vielerlei religiöser Bekenntnisse bevölkert – sei das Land des Hinduismus. Mit diesem Mantra machte sich die hindu-nationalistische, rechtskonservative Bharatiya Janata Party (BJP) im Jahr 1980 auf ihren langen Weg zur Macht in dem über 1,2 Milliarden Menschen zählenden Megastaat. Vorbei sind nun, seit dem 16. Mai 2014, die Zeiten, da religiöse Toleranz und weltanschaulicher Pluralismus das Programm der Regierungspartei bestimmten.
Die religiösen Minderheiten in Indien – Christen, Muslime und indigene Völker – befürchten nun die Einschränkung ihrer Rechte. Es ist eine nicht unbegründete Angst. Viele der ethnischen Minderheiten lebten Jahrhunderte neben den Hindus – und verweigerten sich den Missionsbemühungen des Hinduismus. Denn im hinduistischen Kastengebäude der Gesellschaft hätten sie nur ganz weit unten einen Platz finden können. Viele der Indigenen wurden stattdessen Christen, weil diese Religion die Gleichheit aller Frauen und Männern verkündet und ihr Menschenbild das Kastenwesen ablehnt. In der Folge sind rund neun Zehntel der von »Tribes« dominierten, ostindischen Bundesstaaten Nagaland und Mizoram christlich.
Religion in Form eines ein populär aufgemotzten, vereinfachten Hinduismus, war der Treibstoff, mit dem die BJP ihre Anhänger 35 Jahre lang anfeuerte, sich notfalls brachial gegen Andersdenkende durchzusetzen. Wenn Religionszugehörigkeit und Verteilungskonflikte sich deckten, hatte die Minderheit zu leiden – so die Muslime in Gujarat, wo Narendra Modi als Gouverneur brutale Gewalttaten und einen Massenmord an Muslimen geschehen ließ und kaum ahndete. Oder im Bundesstaat Orissa, wo vor Jahren die Christen und ethnischen Minderheiten von Hindu-Nationalisten blutig verfolgt wurden.
Religion als Brandbeschleuniger: In vielen Ländern Realität
Doch die Angst, von »religiösen Gewinnern« unterdrückt zu werden, geht auch in anderen Ländern um:
So könnte man mit der Aufzählung fortfahren. Immer funktioniert die Aufstachelung zu Hass und Gewalt nach demselben Prinzip: Wenn Gegner andersgläubig sind oder gar als »ungläubig« und »gottlos« dargestellt werden können, dann wird aus dem Gegner leicht ein Feind, den es zu vernichten gilt.
Um so größer ist die Aufgabe der Aufklärer und der Gutwilligen in allen Religionen. Es gilt dabei vor allem, die eigene Religionsgemeinschaft aufzuklären – und sie wieder mit dem menschenfreundlichen Kern ihrer jeweiligen Religion in Berührung zu bringen. Eine Anstrengung, die immer wieder gemacht werden muss. Auch jetzt, in Indien.
Narendra Modi und seine BJP haben es in der Hand, den Hass zu schüren – oder Freundschaft, Ausgleich und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Politik zu stellen. Asiens drittgrößte Volkswirtschaft liegt am Boden. Modi gewann die Wahlen vor allem, weil er Arbeitsplätze und neuen Wohlstand versprach, Entwicklungspolitik im eigenen Land also. Doch Entwicklung geht nie ohne Berücksichtigung der Religion. Man kann sie zur Waffe machen. Oder zum Instrument des Friedens.
