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Religion, ein Problem der Weltpolitik

Für viele politische Verteilungskonflikte gilt: Willst Du benachteiligte Massen in Bewegung setzen, lade den Konflikt religiös auf. Allzu oft dient Religion als Brandbeschleuniger. Nur in der Komfortzone der säkularisierten, demokratischen und hoch industrialisierten Länder kommt sie meist friedfertig daher. Wie wird sich Indiens Demokratie entscheiden? Der neue Premier Narendra Modi (Foto) ist Hindu-Nationalist. Konflikte mit Minderheiten sind vorprogrammiert
von Thomas Seiterich vom 20.05.2014
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Der neue Premier Indiens, Narendra Modi (Foto), hält einen Brief des indischen Präsidenten hoch, der ihn darin auffordert, nun offiziell die neue Regierung zu bilden. Die BJP, die Partei Modis, hat so viele Sitze im indischen Unterhaus gewonne, dass sie ohne Unterstüzung anderer Parteien regieren könnte. (Foto: pa/Money Sharma)
Der neue Premier Indiens, Narendra Modi (Foto), hält einen Brief des indischen Präsidenten hoch, der ihn darin auffordert, nun offiziell die neue Regierung zu bilden. Die BJP, die Partei Modis, hat so viele Sitze im indischen Unterhaus gewonne, dass sie ohne Unterstüzung anderer Parteien regieren könnte. (Foto: pa/Money Sharma)

Der Erdrutschsieg des Hindu-Nationalisten Narendra Modi bei der Wahl in Indien – der größten Demokratie der Erde – wirft ein Schlaglicht auf die politische Brauchbarkeit und Power der Religion.

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Der indische Subkontinent – von über einer Milliarde Bürger vielerlei religiöser Bekenntnisse bevölkert – sei das Land des Hinduismus. Mit diesem Mantra machte sich die hindu-nationalistische, rechtskonservative Bharatiya Janata Party (BJP) im Jahr 1980 auf ihren langen Weg zur Macht in dem über 1,2 Milliarden Menschen zählenden Megastaat. Vorbei sind nun, seit dem 16. Mai 2014, die Zeiten, da religiöse Toleranz und weltanschaulicher Pluralismus das Programm der Regierungspartei bestimmten.

Die religiösen Minderheiten in Indien – Christen, Muslime und indigene Völker – befürchten nun die Einschränkung ihrer Rechte. Es ist eine nicht unbegründete Angst. Viele der ethnischen Minderheiten lebten Jahrhunderte neben den Hindus – und verweigerten sich den Missionsbemühungen des Hinduismus. Denn im hinduistischen Kastengebäude der Gesellschaft hätten sie nur ganz weit unten einen Platz finden können. Viele der Indigenen wurden stattdessen Christen, weil diese Religion die Gleichheit aller Frauen und Männern verkündet und ihr Menschenbild das Kastenwesen ablehnt. In der Folge sind rund neun Zehntel der von »Tribes« dominierten, ostindischen Bundesstaaten Nagaland und Mizoram christlich.

Religion in Form eines ein populär aufgemotzten, vereinfachten Hinduismus, war der Treibstoff, mit dem die BJP ihre Anhänger 35 Jahre lang anfeuerte, sich notfalls brachial gegen Andersdenkende durchzusetzen. Wenn Religionszugehörigkeit und Verteilungskonflikte sich deckten, hatte die Minderheit zu leiden – so die Muslime in Gujarat, wo Narendra Modi als Gouverneur brutale Gewalttaten und einen Massenmord an Muslimen geschehen ließ und kaum ahndete. Oder im Bundesstaat Orissa, wo vor Jahren die Christen und ethnischen Minderheiten von Hindu-Nationalisten blutig verfolgt wurden.

Religion als Brandbeschleuniger: In vielen Ländern Realität

Doch die Angst, von »religiösen Gewinnern« unterdrückt zu werden, geht auch in anderen Ländern um:

Sri Lankas Regierungsarmee, die die besiegten Tamilen im Norden von Sri Lanka mit Gewalt niederhält, schmückt jeden ihrer Militärposten und jede Kaserne mit Buddha-Figuren. Nachts werden die übergroßen Militär-Buddhas elektrisch angestrahlt.

Der vom KGB inspirierte Propagandafilm im russischen Staatsfernsehen, der mit einer halbstündigen »Dokumentation« den schlecht informierten Bürgern die eigene Sicht im Konflikt mit der Ukraine erläutern soll, beginnt und endet mit einem – von einer jungen, telegenen Russin laut gesprochenen – orthodoxen »vaterländischen« Gebet.

Im Irak und in Syrien töten vom Iran aufgerüstete Schiiten die von den Saudis und Katar finanzierten Sunniten.

In der Zentralafrikanischen Republik rotteten zunächst Muslime die Christen aus, bis die Christen begannen, die Muslime zu vertreiben und zu töten.

Die Gewaltkonflikte innerhalb des Sudan und im Südsudan beziehen einen Teil ihres Hasses aus dem Gegensatz zwischen arabischen Muslimen und schwarzen Christen.

In den Kriegen Westafrikas – vor Jahren an der Elfenbeinküste, heute im Norden Nigerias – trägt zur Konfliktverschärfung bei, dass die Ärmeren im trockenen Norden Muslime sind, dagegen die Bürger der prosperierenden Zonen im Süden in der Mehrheit Christen.

In Myanmar verfolgt der buddhistische Staat die muslimische Minderheit der Rohingya sowie die christlichen Minderheiten.

So könnte man mit der Aufzählung fortfahren. Immer funktioniert die Aufstachelung zu Hass und Gewalt nach demselben Prinzip: Wenn Gegner andersgläubig sind oder gar als »ungläubig« und »gottlos« dargestellt werden können, dann wird aus dem Gegner leicht ein Feind, den es zu vernichten gilt.

Um so größer ist die Aufgabe der Aufklärer und der Gutwilligen in allen Religionen. Es gilt dabei vor allem, die eigene Religionsgemeinschaft aufzuklären – und sie wieder mit dem menschenfreundlichen Kern ihrer jeweiligen Religion in Berührung zu bringen. Eine Anstrengung, die immer wieder gemacht werden muss. Auch jetzt, in Indien.

Narendra Modi und seine BJP haben es in der Hand, den Hass zu schüren – oder Freundschaft, Ausgleich und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Politik zu stellen. Asiens drittgrößte Volkswirtschaft liegt am Boden. Modi gewann die Wahlen vor allem, weil er Arbeitsplätze und neuen Wohlstand versprach, Entwicklungspolitik im eigenen Land also. Doch Entwicklung geht nie ohne Berücksichtigung der Religion. Man kann sie zur Waffe machen. Oder zum Instrument des Friedens.

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Schlagwort: Religion
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