Kampf der Gier
Peter Schönhöffer zieht eine poetische, ja optimistische Bilanz. Mehr als zwei Jahre lang hat der Religionslehrer und Pax-Christi-Aktivist als Motor einer kleinen, ehrenamtlichen Vorbereitungsgruppe die »Ökumenische Versammlung« in Mainz (ÖV 2014) vorbereitet. »Die ÖV wächst und blüht«, sagt er, »es wird ein schöner Baum mit vielen Früchten und Kletterpartien werden für Menschen mit leichtem Herzen, großer Sehnsucht und politischem Willen«. Gänzlich anders, nämlich beinhart negativ, fällt das Urteil des Mainzer Publizisten und Befreiungstheologen Bruno Kern aus: »Die Ökumenische Versammlung ist der Versuch, ein totes Pferd zu reiten.«
So gegensätzlich die Urteile auch ausfallen – gemeinsam ist den in der Mehrheit protestantischen Christinnen und Christen die kämpferische Ausrichtung. Beim Wort Ökumene geht es ihnen nicht um das mehr oder minder gute Miteinander der Kirchen, sondern um das gerechte Leben in der allen Menschen von Gott geschenkten Welt. Friede und Gerechtigkeit bestimmen für sie die Tagesordnung. Widerstand müsse geleistet werden gegen die drohenden Umweltkatastrophen und die dadurch ausgelösten Kriege, vor allem aber gegen die Zerstörungsmacht des Kapitalismus in all seinen Erscheinungsweisen. Angriffspunkt ist die Gier, die für ihre sozialen und ökologischen Folgewirkungen blind und fühllos ist.
»Für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« trat die friedenskonziliare Bewegung in den 1980er Jahren an. In der damaligen DDR bereiteten zwei Dresdner und ein Magdeburger Großtreffen der Ökumenischen Versammlung von Februar 1988 bis April 1989 die Friedliche Revolution vor, die schließlich zum Sturz der SED-Diktatur im Herbst 1989 führte. In die Tradition dieser damals vom Genfer Weltkirchenrat ausgerufenen Bewegung des Konziliaren Prozesses – einer Bewegung, die seinerzeit Breite und große politische Kraft entfaltete – stellt sich nun die Ökumenische Versammlung 2014, rund ein Vierteljahrhundert später, in Mainz.
»Soziale Marktwirtschaft ist eine Illusion«, ruft Ulrich Duchrow
In Sankt Bonifaz, einer nüchternen katholischen Betonkirche aus der Nachkriegszeit unweit vom Mainzer Hauptbahnhof, kochen die Emotionen. Denn unweit vom Tabernakel wird über die globale Finanzkrise und die Profitgier diskutiert. Das kapitalistische System sei dabei, die Welt kaputt zu machen, ruft der emeritierte Heidelberger evangelische Theologieprofessor Ulrich Duchrow den etwa 150 Zuhörern im Kirchenschiff zu: »Soziale Marktwirtschaft ist eine Illusion«, erklärt der bald 79-Jährige. Es sei ein Skandal, dass viele in Deutschland weiter daran glaubten, und es sei die Aufgabe der Kirchen und Religionen, diese Illusion zu zerstören.
Duchrow und seine Generationsgenossen Konrad Raiser, ehemals Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf (ÖRK), der Jesuit und Kapitalismuskritiker Friedhelm Hengsbach oder der Bremer Theologe und langjährige ÖRK-Mitarbeiter Geiko Müller-Fahrenholz sind Leitgestalten der rund 500 zumeist männlichen Dauerteilnehmer im rüstigen Rentneralter. Nach einem Vortrag zum Thema »Heimat Erde – Gerechtigkeit, Frieden, Schöpfungsbewahrung und ökumenische Spiritualität«, in dem Müller-Fahrenholz unter anderem die – von ihm die leider nicht beantwortete – Frage aufwirft: Wie widerstehen wir der Verzweiflung angesichts unserer Erfolglosigkeiten?«, sitzen die prominenten Männer nebeneinander auf dem Podium in der wilhelminisch gestalteten Christuskirche.
Gegen diese Monokultur auf dem Podium erhebt sich keine Kritik aus dem Publikum. Das wäre vermutlich auf einem Kirchen- oder Katholikentag mit seiner doch deutlich jüngeren Teilnehmerschaft anders. Das deutschlandweite Netzwerk der jungen Ökumenikerinnen und Ökumeniker (MEET) jedenfalls hat sich bewusst nicht als Mitträger in die Ökumenische Versammlung einbinden lassen. Die Jungen befürchteten, vereinnahmt und instrumentalisiert zu werden. Der überholte Frontalstil sowie die Wortlastigkeit und Papier-Fixierung des überkommenen ökumenischen Prozesses liegt ihnen nicht.
Wie lebt man mit Niedriglohn? Auch das ist hier Thema
Draußen vor dem Eingang neben dem Spargelstand begrüßt ein großes Transparent die Teilnehmer der Versammlung. Evangelische und katholische Kirchen und Schulen haben über das Mainzer Stadtgebiet verteilt Räume für Workshops bereit gestellt. Aber hochrangige Kirchenvertreter bleiben dann doch lieber auf Distanz zu den kritischen Christen und ihren engagierten Basisinitiativen. Margot Käßmann, die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat immerhin ein aufmunterndes Grußwort an die Teilnehmer geschrieben. Und Erwin Kräutler, katholischer Bischof aus Amazonien und Träger des Alternativen Nobelpreises, ist mit einer Videobotschaft bei dem Treffen präsent.
Doch die kirchlichen Würdenträger vermisst auf der Versammlung kaum jemand. Ruhestandspfarrer Claus-Dieter Schulze, ein dünner Mann mit Schiebermütze, ist nach Mainz gereist, um für sein ökumenisches Gemeinschaftswohnprojekt im brandenburgischen Grimnitz zu werben. Dass die Forderungen der Ökumenischen Versammlung in den Volkskirchen oder gar in der Politik in absehbarer Zeit Wirkung entfalten, kann sich der nüchterne Mittsiebziger kaum vorstellen. »Natürlich sind unsere Positionen nicht mehrheitsfähig, aber das macht nichts«, sagt er. »Manchmal reicht es schon, wenn wir Stachel im Fleisch der Kirche sind. Auch die Propheten aus dem Alten Testament waren nicht mehrheitsfähig.«
Am anschaulichsten ist die Ökumenische Versammlung nicht bei den Mega-Themen, zum Beispiel der viel diskutierten »großen Transformation« von Weltwirtschaft, Politik und Gesellschaft, sondern in ihren rund einhundert Workshops. Viele der Dauerteilnehmer bieten solch eine thematische Begegnung an. Thomas Schmidt, Arbeiterpriester, Ute Schäfer von der Initiative Kirche für Arbeit in Frankfurt am Main, und der Krankenpfleger und Theologe Günter Harmeling berichten vom Leben mit einem Niedriglohn: »Am Schluss vom Geld ist immer noch Monat da.« Manche Kollegen meldeten sich gegen Ende des Monats krank, nur weil sie das Benzingeld für weite Fahrten zum Arbeitsplatz, etwa im Amazon-Versandzentrum in Nordhessen, nicht aufbringen könnten.
Der Vizepräsident des Weltkirchenrates, der deutsche evangelische Theologe Martin Robra, reiste eigens aus Genf zur Ökumenischen Versammlung an, um deren »Mainzer Botschaft« feierlich entgegen zu nehmen. Der Text dieser Botschaft wurde mühsam erarbeitet, streckenweise im Plenum in der Bonifaz-Kirche. Gefordert wird für das Überleben der Menschheit und der Schöpfung »die große Transformation« im Blick auf Schöpfung, Friede und Gerechtigkeit. Es heißt: »Kirchengemeinden können Orte der Transformation werden, Werkstätten für soziale, ökologische und Gewalt überwindende neue Wege.«
Abgelehnt wird die von Bundeskanzlerin Angela Merkel propagierte »marktkonforme Demokratie«: »Wir wollen eine demokratiekonforme Wirtschaftsweise und Verfassungskonformität in der Wirtschaft. In unseren Verfassungen sind Kooperation und Gemeinwohl und nicht Konkurrenz, Ausbeutung und profitorientierte Bereicherung festgeschrieben.« Die Mainzer Erklärung endet – nicht untypisch für ein Dokument des konziliaren Prozesses - mit umfangreichen »Selbstverpflichtungen«, einer individuellen Aktionsform, die aus der Spiritualität des Protestantismus stammt.
Propheten im Gegenwind: Eine kleine Gruppe will Großes
Die Ökumenische Versammlung hat sich im kirchenpolitischen und gesellschaftlichen Gegenwind behauptet – dank des großen Engagements vieler Ehrenamtlichen. Doch ihre Zusammensetzung zeigt, wie klein die Bewegung der kritischen Propheten derzeit ist und wie sehr sie von (Kirchen-)Männern dominiert wird. Frauen meldeten sich nur selten zu Wort. Und nur eine kleine Minderheit der Teilnehmenden war unter fünfzig Jahre alt. Vielleicht hat sich diese strenge wort- und diskussionslastige Veranstaltungsform in Teilen überlebt. Ein Grummeln unter den Teilnehmern ist jedenfalls nicht zu überhören – trotz oder gerade wegen der Bedeutung der angesprochenen Themen.
