Hungersnot in Somalia
In der größten Dürrekatastrophe seit 60 Jahren sieht die Welt wieder Bilder von ausgemergelten Männern und Frauen, die ihre sterbenden Kinder in den Armen halten. Hunderttausende fliehen auf der Suche nach Nahrung in die Flüchtlingscamps im Norden Kenias. Mehr als zehn Millionen Menschen sollen betroffen sein, vor allem sind Kinder die Hauptleidtragenden. Chaotisches, hoffnungsloses Afrika denken jetzt viele.
Vorbote des Klimawandels
Aber die Hungerkatastrophe ist kein Naturereignis, sie war zumindest in dieser Dimension vermeidbar. Die Region kennt das periodische Ausbleiben von Regenfällen, doch eine Dürre in diesem Ausmaß gab es hier noch nicht. Für Klimaexperten tritt am Horn von Afrika ein, wovor sie seit Jahren warnen: Dürrephasen werden intensiver und länger, dafür nehmen Starkregen und Flutkatastrophen zu, wie sie in anderen Teilen Kenias zu beobachten sind. Die anhaltende Dürre im Norden Kenias, im Grenzgebiet zu Äthiopien und in Somalia ist ein Vorbote des Klimawandels.
Doch für Helmut Hess, Somalia-Experte und früher Leiter der Afrika-Abteilung von Brot für die Welt, ist die Hungerkatastrophe auch Folge einer falschen Politik des Westens gegenüber dem gescheiterten Staat Somalia. Einem Staat, der nach 20-jährigen Bürgerkrieg völlig am Boden liegt. Der Westen betrachte Somalia nur unter dem Blickwinkel der Terrorbekämpfung, an einer politischen Stabilisierung sei niemand interessiert, kritisiert Hess. »Nur die Piratenbekämpfung und die Polizeiausbildung interessieren. Alle politischen Bemühungen des Westens haben zum genauen Gegenteil dessen geführt, was man erreichen wollte,« meint er. Wenn heute die Fundamentalisten der Al-Shabab weite Teile Somalias kontrollieren, dann ist das auch die Folge einer völlig verfehlten Politik.
Seit 2006 ist in Somalia eine Übergangsregierung an der Macht, die von der UNO mit Rückendeckung Äthiopiens und der USA eingesetzt wurde. Sie sollte verhindern, dass die »Union der islamischen Gerichtshöfe« in Mogadishu die Macht übernimmt. Heute wünschen sich viele die vergleichsweise moderaten Muslime von der »Union der islamischen Gerichte« zurück. Denn nach dem Einsatz der vom Ausland aufoktroyierten, völlig korrupten Übergangsregierung, die keinerlei Rückhalt bei der Bevölkerung genießt, sind die islamistischen Al-Shabab erst richtig stark geworden. Sie konnten sich als »Befreier« von den ausländischen Mächten aufspielen.
Fundamentalisten fallen nicht vom Himmel
»Es war fatal zu glauben, man könnte Somalia so befrieden«, sagt Paul Bendix, Geschäftsführer der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam Deutschland. »Die westliche Politik gegenüber Somalia war unklug.« Auch Fundamentalisten fallen eben nicht vom Himmel. Heute kontrollieren die Al-Shabab einen Großteil des Landes, auch jene Provinzen, die besonders vom Hunger bedroht sind.
Wer den Menschen in Somalia helfen will, kommt – wohl oder übel – an den Al-Shabab-Milizen nicht vorbei. 2010 haben sie verhindert, dass die UNO über das World Food Program (WFP) Hilfslieferungen an die notleidende Bevölkerung schickt. Was der UNO nicht gelingt, schaffen kleinere nichtstaatliche Hilfsorganisationen sehr wohl. Oxfam kann rund eine Million Menschen im Krisengebiet versorgen, auch dort, wo die Al-Shabab-Milizen das Sagen haben.
Heinz Hess ist ehrenamtlich bei der somalischen Nicht-Regierungsorganisation DBG engagiert, deren Name auf deutsch »Wir helfen allen« bedeutet und die vor allem in der Region Mogadishu ihre Projekte betreibt. »Man kann mit den Al-Shabab verhandeln, um in den von ihnen kontrollierten Gebieten humanitäre Hilfe zu leisten«, sagt der Afrikakenner. Er wirft der Bundesregierung vor, die korrupte Übergangsregierung zwar anzuerkennen, aber Gespräche mit den Al-Shabab kategorisch abzulehnen. Die norwegische Hilfsorganisation Norwegian Church Aid versorgt ebenfalls rund 30 000 Menschen mit Hilfsgütern in Regionen Somalias, die zu hundert Prozent von den Al-Shabab kontrolliert werden.
Piratenbekämpfung und Polizeiausbildung
Die Bundesregierung aber unterstützt die Ausbildung ihrer Polizisten und Militärs der verhassten Übergangsregierung. 50 Millionen Euro zahlt Deutschland allein in 2011 für die EU-Mission »Atalanta« zur Bekämpfung von Piraten. »Um andere Formen der Piraterie vor der Küste Somalias kümmert man sich nicht«, moniert Hess. Europäische Trawler fischen weiter illegal in den Gewässern vor Somalia. Natürlich haben auch die nationalen Regierungen von Kenia und Äthiopien ihren Anteil an der Katastrophe, beide wichtige Partnerländer deutscher Entwicklungshilfe. Dennoch muss jetzt alles geschehen, um wenigstens das Schlimmste zu verhindern.
