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»Ein Militärschlag löst kein Problem«

Was tun in Syrien? Nur zuschauen, oder eingreifen? Aber wie? Ein Interview mit Rupert Neudeck, dem Gründer der Hilfsorganisation Grünhelme
von Thomas Seiterich vom 05.09.2013
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»Was in Syrien helfen würde, wäre eine Flugverbotszone, damit die Zivilbevölkerung geschützt wird und ein wenig Alltagsleben zurückkehren kann«, sagt Rupert Neudeck (Foto: pa/Pedersen)
»Was in Syrien helfen würde, wäre eine Flugverbotszone, damit die Zivilbevölkerung geschützt wird und ein wenig Alltagsleben zurückkehren kann«, sagt Rupert Neudeck (Foto: pa/Pedersen)

Drei Freiwillige von den Grünhelmen waren monatelang im syrischen Bürgerkrieg verschleppt. Nach 110 Tagen Geiselhaft hat nun auch der Dritte fliehen können.

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Rupert Neudeck: Dies ist der schönste Tag meines humanitären Lebens, das am 9.August 1979 begann, als unser Schiff Cap Anamur auslief mit dem Ziel, Bootsflüchtlinge aus Vietnam zu retten. Die Entführung, das waren dreieinhalb Monate unter ungeheurer Belastung. Die entführten Spezialisten wollten nichts anderes, als den Syrern Schulen und Hospitäler wieder instand zu setzen. Die Sorge, unsere Helfer in Lebensgefahr zu wissen, war für meine Frau und mich kaum auszuhalten. Auch die Tatsache, dass alle drei sich aus eigener Kraft befreien konnten, macht mich glücklich.

Wer waren die Entführer?

Neudeck: Keine Syrer. Die waren froh über den Hilfseinsatz. Entführer waren ausländische Kämpfer, die von Islamisten in den Golfmonarchien finanziert werden.

Was macht man als Leiter eines Hilfswerkes, dessen Mitarbeiter entführt wurden?

Neudeck: Wir Deutschen sind in der wirklich glücklichen Lage, in einem Land zu leben, dessen Regierung sich um das Schicksal entführter Bürger äußerst intensiv kümmert. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes, das BKA – diese Menschen haben sich mit großem Einsatz bemüht. Viele Mitglieder des Parlaments und der Bundesregierung selbst halfen mit; man erfährt da sehr viel von der Lebendigkeit unserer Gesellschaft, viel Solidarität und Mitgefühl. Das alles hat geholfen, damit die Entführung gut ausging.

Was machen die Grünhelme in Syrien?

Neudeck: Wir gingen ins Land sobald es möglich war. Dieser Moment kam im August letzten Jahres. Wir halfen dann verschiedenen Städten, haben zuletzt in Harem einen großen Kindergarten wiederaufgebaut. Dort wollten wir anschließend das Hospital wieder in Gang setzen. Bei der Frage des Risikos denken wir zunächst an die Sicherheit derer, mit denen und für die wir uns vor Ort einsetzen – sie sind stets viel weniger gesichert als unsere Helfer.

Wie häufig waren Sie selbst in Syrien?

Neudeck: Acht mal seit August 2012, um unsere Hilfsprojekte zu begleiten.

Was würde der demokratischen Opposition in Syrien am meisten helfen?

Neudeck: In der Politik, so habe ich gelernt, ist es oft einer oder eine, die die Bewegung vorantreibt. Wie Nelson Mandela in Südafrika. Weshalb sollte dies in Syrien ausgeschlossen sein? Es gibt in Syriens Opposition solche Spitzenleute. Eine Frau und ein Mann: Der Naturwissenschaftler und Prediger an der Omaijaden-Moschee in Damaskus Moaz al Khatib, der bis April die Oppositionskoalition leitete. Für mich ein vorbildlicher Führer seines Volkes, der die Jugend vor den Rattenfängern der Al Kaida bewahrte. Spitzenfrau ist Razan Zaituneh, eine Anwältin, die sehr bedeutende Arbeit im Untergrund leistet. Insgesamt muss die Opposition die Zersplitterung überwinden.

Braucht die Opposition auch militärische Hilfe vom Westen?

Neudeck: Ein Militärschlag löst kein Problem. Was helfen würde, wäre eine Flugverbotszone, damit die Zivilbevölkerung geschützt wird und ein wenig Alltagsleben zurückkehren kann. Außerdem muss endlich eine internationale Konferenz durchgesetzt werden, bei der alle Akteure an den Tisch kommen, von Russland über den Iran bis zu den Palästinensern.

Hat die liberale Opposition eine Chance gegen die einströmenden Gotteskrieger?

Neudeck: Ja, denn dieser Konflikt ist ein Generationskrieg. Die Jungen in Syrien manifestieren: So wollen wir nicht mehr leben. Sie wollen eine freie Staats- und Gesellschaftsform. Für die Jugend sind die Lebensentwürfe der Islamisten völlig unattraktiv. Wir im Westen hätten die junge Opposition in Syrien kreativ und gewaltfrei unterstützen sollen. So wie es mittels Otpor bei der Revolution in Serbien, in Georgien und der Ukraine geschah. Das wäre möglich gewesen. Leider unterblieb es. Nun sind viele junge Syrer vom Westen enttäuscht.

Wie können wir den Syrern helfen?

Neudeck: Zuerst müssen wir den zynischen Pessimismus ablegen, der sagt: In Syrien ist eh nichts zu machen. Das syrische Exil bei uns und Deutsche mit syrischem Pass tun enorm viel und sehr passgenau, in aller Stille. Hilfsarbeit in den Flüchtlingslagern ist möglich und nötig. Die Bundesregierung unterhält ein Büro im türkischen Gaziantep. Es organisiert Transporte zu Krankenhäusern im befreiten Teil Syriens. Die Palette der Hilfsmöglichkeiten ist groß.

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Personalaudioinformationstext:   Rupert Neudeck, geboren 1939, ist Menschenrechtler und Journalist. Bekannt wurde er 1979 durch die Rettung tausender vietnamesischer Boat-People-Flüchtlinge im Chinesischen Meer mit der »Cap Anamur«. Neudeck leitet zusammen mit Ayman Maziek vom Islamrat das Friedenscorps der Grünhelme.

Mit dem Thema Syrien wird sich Publik-Forum im nächsten Heft, das am Freitag, 13.9.2013 erscheint, ausführlich befassen: Renke Brahms, der Friedensbeauftragte des Rates der EKD, begründet darin seine Ablehnung einer internationalen Militäraktion. Er beschreibt, wie Politik und Kirchen seiner Meinung nach vorgehen sollten. In einem weiteren Text beleuchten wir, welche wirtschaftliche Interessen in dem Syrien-Konflikt eine Rolle spielen. Schließlich schildert der Internist Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen und zur Zeit an der irakisch-syrischen Grenze im Einsatz, die Situation in den Flüchtlingslagern. Sie können drei Ausgaben von Publik-Forum probelesen und hier bestellen.
Schlagwort: Syrien
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