Die Homo-Ehe ist ein Menschenrecht
Eigentlich ist alles sehr einfach: Zwei Menschen lieben sich und wollen heiraten. Warum sollten sie das nicht tun? In mehreren europäischen Staaten können sie es mittlerweile auch dann, wenn die Partner dasselbe Geschlecht haben. In Deutschland gibt es die »eingetragene Lebenspartnerschaft«. Der gestelzte Begriff soll dem Tatbestand Rechnung tragen, dass man hierzulande nach wie vor einen rechtlichen Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Paaren macht. Die einen dürfen gemeinsam kein fremdes Kind adoptieren, die anderen schon. Doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Unterscheidungsmerkmal fällt. Die Homo-Ehe, wie die gleichgeschlechtliche Verbindung salopp genannt wird, wird immer selbstverständlicher werden. Gegner aber wird es wohl auch in Zukunft geben.
Dass zwei Drittel der Iren jetzt für die volle Gleichberechtigung homo- und heterosexueller Ehen stimmten, löste jedenfalls einen sofortigen Abwehrreflex im Vatikan aus. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der Regierungschef des Papstes, wird mit dem Satz zitiert: »Ich glaube, man kann nicht nur von einer Niederlage der christlichen Prinzipien, sondern von einer Niederlage für die Menschheit sprechen.«
Worin wäre diese Niederlage zu suchen? Aus Sicht Parolins wird das katholische Verständnis von »Natur« und »natürlicher Geschlechterordnung« in einer Abstimmung wie der irischen mit Füßen getreten. Doch diese Sicht auf Welt und Geschlecht ist nicht einfach »katholisch« zu nennen. Sie spiegelt lediglich eine »Natur« wider, »wie sie zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt verstanden wurde – etwa in den Spielarten eines theologischen Physikalismus des 18. und 19. Jahrhunderts«, erklärt Regina Ammicht Quinn, katholische Theologin mit Lehrstuhl in Tübingen und Sprecherin des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften (IZEW): »Ältere Traditionen des Naturrechtsdenkens sind da viel differenzierter.«
Warum sind diese Traditionen im Vatikan nicht präsent? Und käme es nicht darauf an, eine menschliche Beziehung zu würdigen, statt an einem bestimmten Bild von der göttlichen Ordnung der Natur festzuhalten? Gott sei Dank ist die katholische Ethik wissenschaftlich nicht bei neuscholastischer Metaphysik hängen geblieben, sondern stellt die Rationalität des Menschen ins Zentrum ihres Interesses. Dass kulturelle Leistungen das Leben verbessern, Ausgegrenzte in die Gesellschaft zurückholen und alte Ordnungen in Frage stellen, ist für diese Ethik selbstverständlich. Und so wundert es nicht, dass seit Jahrzehnten von einer »autonomen Moral im christlichen Kontext« die Rede ist. Natur, Vernunft und Freiheit werden darin zusammen gedacht. Im Vatikan dagegen wird ein veraltetes Verständnis von Natur mit Gottes Willen gleichgesetzt. Das Ergebnis ist so einfach wie eindeutig: Die Homo-Ehe bricht dann göttliches Naturrecht.
Doch mit dieser Schlussfolgerung sind Pietro Parolin und seine Mitstreiter nicht nur theologisch von gestern. Sie sind es auch menschenrechtlich. Denn wer so argumentiert, hat sein biologisches Verständnis der Wirklichkeit religiös aufgeladen und aus dem Endprodukt eine Keule geformt. Diese Keule trifft jene, die die vermeintlich »rechte« Ordnung durchbrechen. Wenn sie ihre sexuelle Identität – ein zentrales Moment ihres Menschseins – leben, werden sie abgelehnt.
Ist das christlich? Die Anfänge dieser Religion machen – bei aller Vielfalt und Widersprüchlichkeit im Detail – eine gegenteilige Intention deutlich: Das Christentum der frühen Jahrhunderte wird deshalb so attraktiv für viele, weil es auf Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit setzt. Es durchbricht die herrschenden Normen da, wo sie diesem Dreigestirn im Weg stehen. In den frühen christlichen Gemeinden wird eingeübt, sich wechselseitig wertzuschätzen, über Grenzen der herrschenden Konventionen hinweg.
Ähnlich denken heute im Streit um die Homo-Ehe vor allem evangelische Theologinnen und Theologen, etwa Margot Käßmann, einstmals Bischöfin und Ratsvorsitzende ihrer Kirche in Deutschland. Sie sagt, dass es christlich sei, »den Menschen anzusehen und nicht das Label, mit dem er festgelegt wird«. Das kann man auch im Vatikan wieder lernen. Kulturelle Sprünge sind grundsätzlich überall möglich.
