Der Eigensinnige
Eigentlich war damals alles zu Ende. Als sich die deutschen katholischen Bischöfe im November 1971 von ihrer Wochenzeitung Publik verabschiedeten, wollten sie endlich Ruhe haben. Ruhe vor Linkskatholiken. Ruhe vor politischen Schreibern, die die Welt der Christdemokraten nicht für die einzig denkbare hielten. Ruhe vor emanzipierten Leserinnen und Lesern. Doch sie hatten nicht mit Harald Pawlowski gerechnet.
Der Publik-Redakteur, vormals beim Spiegel und der Katholischen Nachrichtenagentur, liebte den offenen Kurs seiner Wochenzeitung Publik. Als Betriebsratsvorsitzender fiel ihm die Aufgabe zu, über Abfindungen für die Mitarbeiter zu verhandeln. Er tat es routiniert, aber mit einer gehörigen Portion Wut auf die Bischöfe im Bauch: »Ich wickelte ab, und gleichzeitig wickelte ich auf: für ein neues Publik, für eine unabhängige christliche Zeitschrift.« Die gründete er mit Hilfe einer Leserinitiative zu Beginn des Jahres 1972. Am 28. Januar erschien die erste Ausgabe mit 12 Seiten. Die Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankurt am Main hatte Harald Pawlowski einen Redaktionsraum zur Verfügung gestellt, Studenten und ein Teil der Professoren arbeiten in der ersten Zeit mit, um dem Projekt, das Leser für Leser gegründet hatten und das Pawlowski journalistisch »machte«, auf die Erfolgsspur zu helfen.
Es wurde ein großer Erfolg. Doch Pawlowski, Chefredakteur der immer größer werdenden Redaktion, warnte seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stetig davor, Publik-Forum für einen Selbstläufer zu halten: »Wir müssen immer der Nase nach gehen, riechen, was im Moment läuft, und dann muss man da hin!«
Seine Eigenart war und blieb es, eigensinnig zu sein. Mit diesem Eigensinn überlebte er eine schwierige Jugend in der NS-Zeit: »In mir verborgen lebte ein Gefühl der Gewissheit, es gäbe da etwas, das ganz anders war, und dass dieses Anderssein zu mir gehörte«, erzählte er mir in einem Interview im Februar 2005. Dieses Gefühl trug ihn auch später, half ihm, dem Hamburger Jung, durch schwere Phasen seines Lebens, ließ ihn nicht am Untergang von Publik verzweifeln, gab ihm den Mut, volles Risiko zu gehen und – unterstützt durch seine Frau Hildegard und seine drei Töchter – ein Journalistenleben für und mit Publik-Forum zu führen.
In seinem 87. Lebensjahr wohnt er zusammen mit seiner Frau in einem Seniorenheim in Oberursel. Kaum verwunderlich, dass er kurz nach seinem Einzug vor einigen Jahren in den Bewohnerrat gewählt wurde. »Die beiden werden wohl dereinst auch im Himmel dem Halleluja-Beirat als kritische Fraktion angehören«, schrieb Hartmut Meesmann 2010, zum 80. Geburtstag des Publik-Forum-Vaters. Man weiß ja, wie das ist: Ein Pawlowski hat seinen eigenen Kopf.
