Das Bild des Versagens
Ein kleiner Junge liegt an der Wasserkante. Der Kopf im Sand. Er ist tot. Gestorben auf der Flucht aus Syrien. Das Boot, mit dem seine Familie versuchte, von der Türkei aus die griechische Insel Kos zu erreichen, sank. Der Junge ertrank. Angespült wurde er an den Strand von Bodrum. Rettern zufolge hieß er Aylan und wurde nur drei Jahr alt. Sein Foto geht um die Welt. Es ist das Bild eines humanitären Versagens.
Alle Flüchtlinge aus Syrien erhalten in Europa Asyl. Ihre Schutzbedürftigkeit steht außer Frage. Deshalb dürfen die europäischen Institutionen und die Vereinten Nationen nicht länger zuschauen, wie Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken oder in Lastwagen auf ungarischen oder österreichischen Autobahnen ersticken. Es ist Zeit für eine große humanitäre Aktion. Eine Rettungsaktion für die syrische Bevölkerung, die Cap Anamur-Gründer Rupert Neudeck schon lange fordert: Mit Schiffen und Fähren, Bussen und Zügen sollten syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen und in die Staaten Europas gebracht werden. Den Schleusern, die sich derzeit an syrischen Flüchtlingen reich und reicher verdienen, würde dadurch das Geschäftsfeld entzogen. Menschenleben würden gerettet, unzählige Traumatisierungen auf der Flucht verhindert.
Schon eine Änderung der Visums-Bestimmungen für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge würde Wunder wirken: Statt Schleuser für Todesfahrten zu zahlen, könnten Flüchtlinge mit dem gleichen Geld ein Flugticket nach Europa kaufen.
Das Bild des ertrunkenen Aylan am Strand von Bodrum ist eine Botschaft: Wir dürfen nicht länger zuschauen. Nicht länger abwarten, bis es die syrischen Flüchtlinge übers Meer und durch Stacheldraht hindurch bis zu uns geschafft haben. Es ist allerhöchste Zeit für eine große humanitäre Aktion.
Lesen – und hören – Sie zum selben Thema auch den Erfahrungsbericht von Karin Heidemann, die eine syrische Flüchtlingsfamilie für ein halbes Jahr in ihr Haus aufnahm.
