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Barcelona: Die Falle des Nihilismus

Die unfassbaren Anschläge von Charlottesville und Barcelona stellen uns vor die Frage: Funktioniert politische Öffentlichkeit heute durch eine möglichst welterschütternde, brutale Tat?
von Michael Schrom vom 19.08.2017
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Der Islamist, der sich als Gotteskrieger fühlt und mit einem Lieferwagen in die Menge rast und der Nazi, der auf dieselbe barbarische Weise Andersdenkende umbringen will: Offenbar fühlen sich diese Männer davon angesprochen, eine Mission zu erfüllen. Sie wollen eine Gesellschaft im Innersten treffen, deren Hauptmerkmal es ist, sich stetig zu verändern, dabei lebensfroh und weltoffen zu sein. Die Mission heißt: »Diese Gesellschaft werde ich töten.«

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Auf der anderen Seite werden jetzt wieder die Werte genau dieser freien Gesellschaft beschworen. Das ist ja auch richtig. Aber mit jedem Anschlag wächst das Unbehagen, der Zweifel an dem Zukunftsversprechen der Demokratie als Voraussetzung für eine freie und liberale Gesellschaft. Jedes Konzert, jeder Kirchentag, jeder Weihnachtsmarkt muss schon heute unter dem Aspekt der Sicherheit betrachtet werden.

Wohin das führen kann, zeigt in extremer Weise ein Beispiel aus dem ansonsten so liberalen Australien. In Sydney hat der Stadtrat jüngst den Bau einer Synagoge in der Nähe eines beliebten Badestrandes verboten. Mit der Begründung, dies sei ein potenzielles Anschlagsziel. Wie man mithilfe der Demokratie demokratische Errungenschaften abschafft, demonstriert seit Monaten auch die Türkei – mit tatkräftiger Unterstützung der AKP.

Was die Gegner toleranter Freiheit treibt, beschreiben sie selbst als Religion. Sie sehen in ihr einen Kitt, der die ausschließende Gemeinschaft der Auserwählten zusammenhält. Doch dieses Verständnis von Religion wird niemals ein Motor der Demokratie sein, weder freiheitsliebend noch friedenstiftend. Es hält lediglich jene zusammen, die jede Veränderung mit Gewalt zu verhindern suchen. Die den Widerhall ihres starren Festhaltens an Konzepten und Dingen laut hören wollen. So laut, wie es Bomben, aufheulende LKW-Motoren und in Angst aufschreiende Menschenmengen sind.

Der Soziologe Hartmut Rosa hält diesem Konzept ein anderes entgegen. Es setzt auch auf Widerhall, aber in Form einer Erfahrung, die auch atheistische oder religiös unmusikalische Menschen teilen können. Es geht dabei nicht um das Für-Wahr-Halten eines Glaubenssatzes. Sondern darum, den Panzer der Verdinglichung zu durchbrechen, in der Bereitschaft, sich vom Anderen ansprechen, berühren und verändern zu lassen. Darin besteht der Vergleichspunkt mit einer echten religiösen Erfahrung. In einer solchen erlebt sich der Mensch als Angesprochener. Die Welt ist ihm weder kalt, leer und still, weder zynisch noch zufällig, sondern ein Ort der Hoffnung, ein Echoraum voller Resonanz. Und dieser Echoraum vermittelt sowohl Geborgenheit als auch Ermutigung zur Veränderung.

Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die salafistischen Glaubenskämpfer oder die identitären Abendlandschützer, so erkennt man den nihilistischen Kern, der sich unter der religiösen Tünche verbirgt. Beide zielen letztlich auf Gesellschaften, die sich nicht verändern sollen, ja nicht verändern dürfen, und genau deshalb leblos und resonanztaub werden. Beide wollen eine Welt des Stillstands und entsprechend einen »Gott«, der diesen Stillstand garantiert. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass ihnen religiöse Menschen widersprechen. In Wort und Tat. Es sind dies die Werte einer freien Gesellschaft, die wir auf keinen Fall aufgeben dürfen.

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Schlagwörter: Barcelona Demokratie
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