Zur mobilen Webseite zurückkehren

Angst vor dem Klimaschutz

Gerade hat der Weltklimarat IPCC seinen fünften Bericht vorgelegt und vor den verheerenden Folgen der Erderwärmung gewarnt. Wird das die westlichen Demokratien beeindrucken? Die Abkehr vom System, das den Klimawandel erst verursacht hat, lehnen sie ab. Dabei wissen sie, dass es so nicht weitergehen kann. Von Wolfgang Kessler
von Wolfgang Kessler vom 22.04.2014
Artikel vorlesen lassen
(Zeichnung: Mester)
(Zeichnung: Mester)

Nirgendwo zeigt sich der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln so deutlich wie in der Klimakrise. Dies macht der aktuelle Bericht der Weltklimarates deutlich. Detailliert zeigen die 235 Autoren aus 57 Ländern auf, welche Bedrohung die Erderwärmung für große Teile der Menschheit darstellt. Aber sie legen auch die Strategien dar, wie der Planet vor den schlimmsten Folgen des Klimawandels bewahrt werden kann. Dieses Wissen in Taten umzusetzen ist die Aufgabe der Menschheit. Besonders groß ist die Herausforderung dabei für die westlichen Demokratien.

Anzeige
loading

Obwohl Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien beim Ausstoß von Treibhausgasen rasant aufholen, hängt ein erfolgreicher Klimaschutz noch immer von den reichen Industrieländern ab. Sie haben jenes kapitalgetriebene Industriesystem zur Perfektion entwickelt, das den Klimawandel erst verursacht. Und nicht nur dies: Das stetige Wachstum dieses Industriesystems ist längst zum Lebenselixier der westlichen Demokratien geworden.

Nötig ist die Abkehr von der Logik des »Immer mehr«

Die allermeisten Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmer und die Politik folgen der gleichen Logik: Wenn alle mehr kaufen, mehr arbeiten, mehr produzieren, dann wird alles gut: Die Bürger steigern ihren materiellen Wohlstand, die Unternehmer verdienen, der Staat freut sich über sprudelnde Steuerquellen und kann die Sozialsysteme speisen. Jedes Unternehmen und jede politische Maßnahme wird daran gemessen, ob sie das Getriebe aus Konsum und Industrie antreibt oder ob sie Sand in dieses Getriebe streut. Billige fossile Energie, preiswerte Rohstoffe, eine Produktion mit geringen Kosten und ein möglichst freier Handel sind die Ingredienzen dieses Systems. Sie bestimmen das Verhalten: Wer nicht konsumiert wie seine Nachbarn und Arbeitskollegen, wird schnell zum Außenseiter. Wer in Machtpositionen kommen will, sollte einen Rat beherzigen: Streu bloß nicht Sand in das Getriebe. Und über allem steht die Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit.

Leider ist es genau dieses »Immer-mehr«, das die Erde unaufhaltsam aufheizt. Deshalb müssten Bürger, Unternehmer oder Politiker mit dieser Logik brechen, wenn sie es mit dem Klimaschutz ernst meinen. Das jedoch tun sie nicht, weil sie sich als Bürger vor sinkendem Wohlstand fürchten, als Unternehmen vor abnehmender Konkurrenzfähigkeit und als Politiker vor der schnellen Abwahl. Letztlich machen alle weiter wie bisher, obwohl alle wissen, dass es so nicht weitergehen kann.

Noch kämpfen zu wenige für Veränderungen

Bleibt da noch Hoffnung? Wenn, dann kommt sie von jener kritischen Minderheit an Bürgern, Unternehmen und Politikern, die schon heute versuchen, klimagerechter zu leben und zu handeln: die weniger und bewusster konsumieren, ihr Geld ethisch anlegen, die nachhaltig produzieren und als Politiker wider den Stachel der ruinösen Wachstumswirtschaft löcken.

Noch sind dies allerdings zu wenige. Für Veränderungen in einer Demokratie braucht es Mehrheiten. Diese werden jedoch erst umdenken, wenn sich Klimaschutz als Gewinn für alle erweist: Wenn kritische Verbraucher nicht als Besserwisser auftreten, sondern als glückliche Gewinner. Wenn nachhaltige Unternehmen humanere Arbeitsbedingungen mit weniger Stress bieten. Wenn die Politik bessere Bedingungen für ein nachhaltiges Wirtschaften und Leben schafft: mehr Bahnen, Busse und Radwege, erneuerbare Energieträger statt fossile und atomare, bessere soziale Dienstleistungen, umweltgerechte Dörfer und Städte. Wenn die Menschen vom Klimaschutz profitieren, werden sie die Angst davor verlieren.

Die Energiewende zeigt: Umsteuern ist möglich

Viele hegen Zweifel, ob solche Veränderungen noch rechtzeitig gelingen können. Die Zweifel sind berechtigt. Andererseits zeigt die Energiewende in Deutschland, dass Veränderungen in einer Demokratie möglich sind. Jahrzehntelang hat eine Bürgerbewegung gegen Atomkraft demonstriert, aber auch Alternativen entwickelt und propagiert. Die Angst der Menschen vor ausgehenden Lichtern löste sich in Nichts auf. Schließlich veranlasste die Katastrophe von Fukushima auch eine konservative Regierung zur Umkehr. Plötzlich folgt ein ganzes Land anderen Prioritäten. Auch wenn die Umkehr derzeit stagniert, so ist sie doch ein Zeichen der Hoffnung, dass es geht. Schön wäre nur, wenn die Demokratie nicht für jede Veränderung eine neue Katastrophe bräuchte.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Kessler ist Chefredakteur von Publik-Forum
Schlagwörter: Erderwärmung Klimaschutz
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0