Jörg Alt
Seine religiös motivierten politischen Protestaktionen brachten den Jesuiten Jörg Alt in den vergangenen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen und schließlich sogar ins Gefängnis. Mal entwendete er Lebensmittel, die von Supermärkten ausgemustert wurden, und verteilte sie an Bedürftige, ein anderes Mal klebte er sich mit Aktivistinnen der »Letzten Generation« auf der Straße fest, um gegen die Untätigkeit in der Klimapolitik zu protestieren.
Seit einigen Monaten ist es ruhiger um ihn geworden. Er wirkt inzwischen als Dompfarrer in St. Blasien im Schwarzwald. Im Interview mit »katholisch.de« sagt er: »Während meiner Zeit im Gefängnis hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. ... Ich habe vieles versucht, um auf das Thema Klima- und Generationengerechtigkeit aufmerksam zu machen. Im Gefängnis ist mir dann klar geworden: Im Prinzip hilft das alles nichts. Die klassischen Methoden richten gegen das System des Neoliberalismus und seiner Lobbyisten nichts mehr aus. Unsere Parlamente und Regierungen hängen am Tropf des Geldes und fällen Entscheidungen, die der Wirtschaft nützen. Da habe ich zu meinem Provinzial gesagt: Wenn es keine gute Perspektive und keine sinnvollen Möglichkeiten gibt, hier weiterzumachen, dann kann ich auch in St. Blasien Pfarrer sein. Deswegen bin ich jetzt hier mit einer halben Stelle Pfarrer, und mit einer halben Stelle versuche ich mich an einem neuen Buchprojekt.«
Alt beobachtet eine tiefe Frustration in der Klimabewegung. »Ganz viele Menschen dort sind psychisch krank geworden. Andere sagen, dass ihr Leben durch die ganzen Strafen und Schulden ohnehin schon ruiniert ist und sie ihren Beitrag geleistet haben. Wieder andere sagen, dass es unter diesen Bedingungen nichts mehr bringt, und sie kümmern sich jetzt um ihr kleines Glück im privaten Bereich. Das kann ich ihnen nicht verdenken.«
Letzlich sei man auch an der Lethargie und der Bequemlichkeit in der Bevölkerung gescheitert. »Bücher, Petitionen, Kampagnen…. Ich habe mit der ›Letzten Generation‹ versucht, den Leuten klarzumachen, dass die Wand vor uns steht und wir direkt darauf zurasen. Aber das juckt kaum jemanden. Und es führt ja auch zu nichts, wenn man mit den Methoden, die nichts bringen, unendlich weitermacht. Man sagt ja so schön: Jedes Volk erhält die Politiker, die es wählt. Und wenn den Deutschen der Preis für einen Liter Diesel wichtiger ist als die immensen Schäden, die der Klimawandel absehbar für uns bringen wird, dann muss ich das ebenso akzeptieren wie Katherina Reiche als Ministerin für Wirtschaft und Energie.«
Er habe das Glück, in seinem »Traumberuf« als Pfarrer arbeiten zu können; die Aufgabe empfinde er als anspruchsvoll und voller Überraschungen, sagt der Jesuit: »Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass Religion auch im Hochschwarzwald kaum eine Rolle spielt... Als ich hier angekommen bin, war ich entsetzt, wie alt das Publikum ist. Wir haben nur ein Kommunionkind, nur ein Kind ist im Religionsunterricht und die Firmung ist ausgefallen. Als ich angekommen bin, hatte ich nur zwei Messdiener. Ich dachte mir: Das darf doch wohl nicht wahr sein!«
Derzeit arbeitet er an einer Predigtreihe über die Eucharistie. »Viele Leute sagen, die katholische Messe sei so langweilig, und ob man nicht mal etwas anderes machen könne. Aber diese Gebetsform gehört zu unserer Identität. Ich kann aber versuchen zu erklären, wie es zu dieser Feier gekommen ist und was die einzelnen Elemente bedeuten. Es scheint auch auf Interesse zu stoßen: Selbst die Hochschwarzwald-Touristik hat die Reihe beworben. Ich kann ja nicht immer nur über das Klima predigen. Das tue ich schon oft genug.«

Personen und Konflikte