Romantipp: Sommer auf Perigo Island
Sommer, Meer und das Ende einer Kindheit

Roman. Der zwölfjährige Pierce lebt auf Perigo Island, einer kleinen Insel vor der Küste Neufundlands. Es ist 1991, und die Jungen verdienen sich ein Taschengeld, indem sie im Hafen warten, bis die Kabeljaufischer anlegen – dann schneiden sie den Fischen die Zungen heraus und verkaufen sie an Touristen. Das klingt seltsam. Auf der Insel ist es alltäglich. Was nicht normal ist: dass der Kabeljau ausbleibt. Dass ein Meeresbiologe auftaucht, der erklärt, moderne Technik mache es möglich, das Meer leer zu fischen. Dass Anna, ein älteres Mädchen vom Festland, eines Tages spurlos verschwindet. Und dass Pierce, seit sein Vater auf See starb, Angst hat, ein Boot zu betreten. Perry Chafe, kanadischer Drehbuchautor, erzählt all das in seinem Romandebüt ohne Effekthascherei, durch die Augen eines Kindes, dessen Blick von Trauer um den Vater getrübt ist. »Sommer auf Perigo Island« ist kein Thriller, auch wenn ein Mädchen verschwindet und die Kinder auf eigene Faust suchen. Es ist eher das, was man einen Inselroman nennen könnte: eine Geschichte, in der die Landschaft nicht Kulisse ist, sondern die Stimmung trägt. Das Meer ist zugleich Grab des Vaters und Sehnsuchtsort, Lebensgrundlage und Bedrohung. Die Eisberge vor der Küste leuchten weiß mit blauen Streifen, 15 Stockwerke hoch. Für Emily aus New York sind sie ein Wunder, für Pierce so alltäglich wie Wolken. Am Ende fährt ein gereifter Pierce mit seinen Freunden hinaus aufs Meer. Sie haben das alte Boot des Vaters wieder flottgemacht, fangen einen Fisch, braten ihn an Bord und erzählen sich Geschichten, bis die Sonne untergeht. »Und meine Angst vor dem Meer war endgültig verflogen.« Man glaubt es ihm.
Perry Chafe: Sommer auf Perigo Island.
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann.
Mareverlag. 267 Seiten. 24 €




