Grenzen – Fluch und Segen
Grenzenlose Liebe. Grenzenloses Leben. Grenzenloses Glück. Das ist es, wonach Menschen sich sehnen, solange sie da sind und die Erde bevölkern. Mauern oder Zäune, Schranken oder Wälle, natürliche oder politische Grenzen, materielle oder technische Grenzen, die Grenzen der Erkenntnis, der Körperkraft oder der Lebenszeit: Gegen all diese Beschränkungen ist die Menschheit immer schon angelaufen, oft verzweifelt, vielfach vergeblich und erstaunlich häufig auch mit Erfolg.
Viele Grenzen, die unser Leben beschränkten, sind inzwischen gefallen. Der grausame Eiserne Vorhang, der Deutschland über vier Jahrzehnte in zwei Teile schnitt, hat sich in Luft und Freude aufgelöst. Die Nacht des 9. November 1989, als in Berlin die Mauer fiel, ist tief in unser Bewusstsein eingegraben. Für zwei Menschen, die sich über diese Grenze hinweg geliebt haben, war es die glücklichste Nacht ihres Lebens. Davon erzählen sie in diesem EXTRA. Auch in Europa sind die Grenzen offen, was das Zusammenleben erleichtert, aber auch die bunte Vielfalt in Gefahr bringt.
Rund um die Uhr und rund um den Globus
Moderne Kommunikationsmittel überbrücken Grenzen, die früher unüberwindbar waren. Elektronische Medien senden rund um die Uhr und verwischen die Grenzen von Tag und Nacht. Die Elektrizität sprengt die Grenzen der menschlichen Arbeitskraft, die Medizin verschiebt die Grenzen der Lebenszeit, die Wirtschaft überspringt nationale Grenzen durch Globalisierung. Ein Musterbeispiel des entgrenzten Menschen beschreibt dieses EXTRA in Michael Jackson: Er überstieg die Grenzen von Schwarz und Weiß, Mann und Frau, er schien im »Moonwalk«auf dem Mond zu tanzen. Doch das Schicksal des grenzenlosen Popstars verdeutlicht auch die Risiken eines solchen Lebens: Ohne klare Grenzen verlieren Menschen die Orientierung. Jeder und jede muss sein Leben nun selbst entwerfen - und viele scheitern daran.
Langsam dämmert uns die Erkenntnis, dass nicht jede Grenze ein Fluch, sondern manche auch ein Segen ist. Die Autoren dieses Heftes machen deutlich, dass Grenzen zum Leben gehören, weil wir sie brauchen: Kinder brauchen Grenzen, um sicher aufwachsen können. Auch Eltern brauchen Grenzen, damit sie ihre Kinder nicht verletzen und missbrauchen. Menschen, die ständig über ihre Grenzen gehen, brechen irgendwann zusammen. Und manche müssen es regelrecht üben, sich abzugrenzen und auch einmal »Nein« zu sagen.
Über den Wolken, in der Wüste und an Mamas Tür
Und trotzdem beflügelt uns die Sehnsucht nach dem Grenzenlosen - immer wieder, immer weiter. Segelflieger suchen es über den Wolken, Reisende in der unendlichen Weite der Wüste, Mystiker in Gebet und Kontemplation. All diesen Suchern begegnen wir in diesem EXTRA. Und dann ist da noch der kleine Junge, der auch mal eben eine Grenze austestet. Der klingelt einfach an der Haustür, sagt »Hallo Arschgeige!« und wartet gespannt, was dann passiert ...
