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Das Runde ins Eckige

Drama! Gestern Nacht sind die deutschen Fußballerinnen im WM-Halbfinale gegen die USA ausgeschieden. Wenn man allerdings den deutschen Männern glauben darf, ist das ein Segen. Ihre Haltung: »In Kanada ist die Weltmeisterschaft der Frauen? In welcher Sportart?« Geguckt wird natürlich trotzdem, von Anfang an. Anne Lemhöfer über ein seltsames Phänomen
von Anne Lemhöfer vom 01.07.2015
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Wessen Beine sehen Sie hier? In jedem Fall sind es die Beine deutscher und US-amerikanischer Fußballerinnen, aufgenommen im Halbfinale der Fußball-WM in Kanada. (Foto: pa/Jaspersen)
Wessen Beine sehen Sie hier? In jedem Fall sind es die Beine deutscher und US-amerikanischer Fußballerinnen, aufgenommen im Halbfinale der Fußball-WM in Kanada. (Foto: pa/Jaspersen)

In Ottawa spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen die Auswahl der Elfenbeinküste. Im Wohnzimmer sitzt mein Mann vor dem Fernseher (Entzugserscheinungen, der »richtige Fußball« hat Sommerpause). Auf seinem Smartphone ploppt eine SMS seines Vaters auf. »Ein Frauenfußballspiel sollte nicht länger als sechzig Minuten dauern!« Mein Mann sagt einen Satz, in dem das Wort »Gekicke« vorkommt. Gut, dieses Wort führt er auch beim »richtigen Fußball« oft im Mund. Richtiger Fußball ist Männerfußball. Frauenfußball ist irgendwas anderes. Wie Topfschlagen oder Schlammcatchen. Auf keinen Fall aber Fußball.

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Die Fifa hat es dem schwedischen Fernsehsender TV 4 deshalb auch untersagt, die WM der Frauen »Fifa Fußballweltmeisterschaft 2015« zu nennen. Es sei nur statthaft, das Ding als »Fifa Frauenweltmeisterschaft« zu bezeichnen. Das große Turnier in der namenlosen Disziplin, bei der 22 weibliche Menschen in Trikots und Stollenschuhen mit ihren Füßen versuchen, einen ledernen Ball in ein viereckiges Netz zu befördern, wird alle vier Jahre verlässlich flankiert von einer weiteren Weltmeisterschaft: der im Dummschwätzen.

»Das darf man nicht vergleichen. Wenn die Frauen spielen, ist das eine ganz eigene Sportart. Ich meine das übrigens völlig wertfrei«, sagt der Kollege am Kantinentisch. Wenn Frauen ellipsenförmige Schläger mit Nylongeflecht in der Hand halten und gegen neongrüne Filzkugeln schlagen, heißt das Tennis. Wenn Frauen um die Wette rennen, Hundertmeterlauf. Frauen spielen Volleyball und Basketball, sie heben Gewichte und kraulen durch Schwimmbecken. Frauen lenken Weltkonzerne und Flugzeuge, manche fahren Auto und machen Abitur. Es gibt sogar Länder, in denen sie die Regierung mitwählen dürfen. Aber dass sie gegen Bälle treten, geht offenbar zu weit. Jedenfalls in der öffentlichrechtlichen Sendezeit. Der ehemalige Nationaltrainer Berti Vogts, zuletzt in Aserbaidschan mäßig erfolgreich, sagte Mitte der 1970er-Jahre: »An sich bin ich gegen Damenfußball. Es gibt so viele schöne Sportarten. Warum ausgerechnet Fußball?«

Auf die Frage, ob er den Fußballfrauen zuschaue, antwortet der Rennfahrer Nico Rosberg vierzig Jahre später: »Klar. Man schaut doch auch Paralympics.«

So etwas würden sich Redakteure der Zeit natürlich nie herausnehmen. Im Wochenmagazin des Bildungsbürgertums drückt Wolfram Eilenberger sein Unbehagen ob der merkwürdigen Geschehnisse auf kanadischem Kunstrasen deshalb so aus: Es bleibe die Frage, »ob dem Frauenfußball möglicherweise ein geschlechtsbedingtes Problem zu eigen ist, das seine ästhetische und qualitative Anziehungskraft auf lange Sicht nachhaltig begrenzt«.

Mit Frauenfußball ist es ein bisschen wie mit der Homo-Ehe: Geht schon in Ordnung, so der gesellschaftliche Konsens. Mehr aber auch nicht. Die Paraden zum Christopher Street Day sind anerkannt gute Partys, wie auch die Weltmeisterschaften der Fußballerinnen. So stimmungsvoll und fair! Gar nicht so kommerziell!

Und die Spielerinnen: keine Multimillionärinnen mit Kotzbrocken-Attitüde, sondern sympathische Psychologiestudentinnen. Man ist modern und tolerant und feiert die Vielfalt. Aber so richtig ernst nehmen? Kann man das Brimborium nicht.

»Ist Fußball wirklich eine Frauensportart? Darüber kann man diskutieren, ich bin ein toleranter Mensch. Bitte, wenn’s ihnen Spaß macht«, wird Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn im Spiegel zitiert.

»Bitte, wenn’s Spaß macht« ist zugegebenermaßen ein paar Nuancen gönnerhafter als die »Niederlage der Menschheit«, wie Kardinal Pietro Parolin angesichts des irischen Votums, nicht nur die Ehe zwischen Mann und Frau anzuerkennen, wetterte. Trotzdem ist es Mist.

Warum dieser Frotzelzwang angesichts der kickenden Frau? Weil der »richtige« Fußball die letzte Bastion gefühlter Männlichkeit ist, wenn wir Bundeskanzlerin sind und auf den Mount Everest klettern?

Frauenfußball ist keine Niederlage für die Menschheit. Sondern ein Gewinn. Schön, dass Mädchen längst so selbstverständlich ihre Taschen fürs Fußballtraining packen wie ihre Klassenkameradinnen für Eiskunstlauf und Handball. In Zeiten, in denen sich Oligarchen Clubs und Diktatoren Weltmeisterschaften kaufen, ist es eine Wohltat, einfach 22 jungen Menschen beim Fußballspielen zuzugucken. Neunzig Minuten lang. Schön, dass WM ist.

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Personalaudioinformationstext:   Anne Lemhöfer, Jahrgang 1978, ist Redakteurin der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main.
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