Brauchen wir eine Leitkultur?
Aus dem Vorgärtchen winkt der Gartenzwerg mit deutschem Wimpel, und der neue Heimatminister grüßt im Trachtenjanker zurück. So könnte eine Karikatur aussehen, seit im Kielwasser des AfD-Erfolgs Deutsch- und Heimattümelei eine Renaissance erfahren – gesellschaftlich wie parteipolitisch von der CSU bis in die Linke hinein.
Seit ungefähr zwanzig Jahren wabert der Begriff der »deutschen Leitkultur« durch die Debatten. Verlockend und dumpf hat er sich allmählich ins Denken eingenistet. Die Sehnsucht nach Identität, nach dem, was uns verbindet, ist groß; allenthalben ist zu hören, die Gesellschaft breche auseinander. Doch die Chance, etwas Allverbindendes zu finden, das allen in gleicher Weise Sicherheit geben könnte, ist verschwindend gering. Zu unterschiedlich und zu vielschichtig ist jeder Einzelne, das Gemeinwesen erst recht.
Auch lässt sich Kultur nicht auf ein einziges, sie leitendes Prinzip reduzieren – eine Leitkultur widerspricht schon der Idee nach dem, was Kultur für das Leben bedeutet. Kultur bedeutet immer auch zu verstehen. Auch zu verstehen, was Verstehen heißt. Dass die Wirklichkeit ein fortwährender Prozess ist. Dass das Verständnis darüber sich stets wandelt, abhängig von Ort und Zeit, kurz: vom historischen Kontext. Wer suggeriert, es gebe eine ein für alle Mal festgezurrte Leitkultur, klammert sich an eine fixe Idee wie jemand, der sein Leben gegen den Tod versichern will. Echten und belastbaren Zusammenhalt können nicht statisch vorgegebene kulturelle Ideale stiften, sondern allein bestimmte kulturelle Fähigkeiten, die ein gedeihliches Zusammenleben ermöglichen ...
Die Debatte ist ab- und ausgrenzend und birgt dabei die Gefahr von Selbstüberhöhung und Arroganz (»Am deutschen Wesen …«). Bereits der Begriff definiert ein Gefälle, weil jemand leitet und jemand geleitet wird. Wird diese hierarchische Struktur als deutsch spezifiziert, so sind Größe und Wert anderer (Hoch-)Kulturen relativiert. Wer die reiche chinesische Kultur betrachtet, wer die hochkomplexen heiligen Schriften Indiens liest, wird nicht nur in Deutschland das Land der Dichter und Denker sehen können. Wer den Reichtum anderer Kulturen verkennt, beraubt sich seiner Chancen, selbst reicher zu werden.
Die Schwester der Überheblichkeit ist die Heuchelei. Die Rede von der ehrlichen Wertarbeit Made in Germany ist zur Mär geworden. Nicht nur, dass die Bauteile deutscher Autos aus aller Herren Länder kommen – seit dem Skandal wegen manipulierter Abgaswerte steht deutsch für Schummeln. Weltweit ist das Ansehen ramponiert. Selbst der Traum vom Sommermärchen 2006 ist nachträglich zum Image-Albtraum geworden, seit der deutsche Fußball-Kaiser in Verdacht steht, die WM mittels Bestechung ins Land geholt zu haben.
Allein schon wegen des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte ist allzu großer deutscher Eigendünkel unangebracht. Wenn es um deutsche Kultur geht, muss die Erinnerung an die Schoah Priorität haben. Schlussstriche ziehen nur Dummköpfe, die aus der Geschichte nicht lernen wollen. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn AfD-Politiker das Deutsche hervorheben und zugleich eine 180-Grad-Wende in der Geschichtsschreibung verlangen.
Natürlich braucht jede Gesellschaft ein Mindestmaß an sittlicher Identität, einen normativen Basiskonsens. Wer sollte etwas dagegen haben, dass ein Kulturpluralismus auf den Werten der »kulturellen Moderne« gründet (Habermas): Demokratie, Aufklärung, Menschenrechte, Zivilgesellschaft? Und wer wollte bestreiten, dass Anstand und Tugend einem Gemeinwesen förderlicher sind als Niedertracht, Laster und Charakterlosigkeit? Weshalb dazu allerdings eine deutsche Leitkultur notwendig sein soll, ist schleierhaft: Tugenden sind transnational. Selbst einem amerikanischen Präsidenten würden sie gut anstehen ...
In der Publik-Forum-Reihe »Streitfragen zur Zukunft« wurde zuletzt diskutiert zu: »Brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen?« und »Heute noch von Sünde reden?«
