Ein Buch fürs Leben …
Ist Gott schön?
Es überrascht und erschreckt mich, wie nach 50 Jahren eine kleine theologische Schrift nichts an Aktualität und Trefflichkeit verloren hat. Lediglich Ländernamen habe ich ausgetauscht oder ergänzt, und der Text kommt mir wieder ganz nah: »Wie kann einer lachen, wenn in der Ukraine, im Jemen und im Sudan unschuldige Menschen getötet werden? Wie kann einer spielen, wenn in Afghanistan und im Kongo Kinder verhungern? Wie kann einer tanzen, wenn in China, Iran, Syrien und Russland Menschen gefoltert werden? Leben wir nicht in einer Welt? Wenn ich es dennoch wage, von der Freude an der Freiheit und vom Wohlgefallen am Spiel zu reden, so wende ich mich nicht an jene, die zum Trauern, zum Leiden und Mitleiden unfähig sind, weil sie sich selbst mit ihrem selbstgefälligen Optimismus betrügen. Ich wende mich an diejenigen, die trauern und mitleiden und protestieren und vom Übermaß des Elends der Gesellschaft und ihrer eigenen Ohnmacht so bedrückt sind, dass sie entweder verzweifeln oder vergessen müssen.« Das schreibt Jürgen Moltmann, der Begründer der politischen Hoffnungstheologie 1971 in seinem Büchlein »Die ersten Freigelassenen der Schöpfung« und fasst darin fünf »Versuche über die Freude an der Freiheit und das Wohlgefallen am Spiel« zusammen. Sein Büchlein wurde nun durch die Wiener Schriftstellerin und Künstlerin Rosemarie Egger neu veröffentlicht (Bernadus, 130 Seiten; als Original von 1971 auch im Antiquariat noch erhältlich). Den heute über 97-jährigen Tübinger Theologen kenne ich seit Anfang 1968. Da las ich seine »Theologie der Hoffnung« in der Oberstufe. Nicht persönlich kenne ich ihn, sondern durch meine theologischen und philosophischen Studienjahre Mitte der 1970er-Jahre in Tübingen, wo Jürgen Moltmann evangelische Theologie lehrte, sowie durch seine zahlreichen Bücher, von denen ich im Lauf der Jahrzehnte etliche rezensiert und vergleichsweise viele als »Buch des Monats« ausgezeichnet habe. Jürgen Moltmanns Büchlein über die »ersten Freigelassenen« hat es auch nach 50 Jahren wegen seiner Gedankenschärfe und seiner prägnanten Sprache in sich. Und verlangt intensive Lektüre wegen der dichten kulturphilosophischen und theologischen Ausführungen. Vieles sehe ich in seinen danach folgenden Büchern wie etwa in seiner ökologischen Schöpfungslehre »Gott in der Schöpfung« und in seiner ganzheitlichen Pneumatologie »Der Geist des Lebens« weiter entfaltet. Sie atmen den Geist einer spirituell fundierten Theologie, die mich immer sehr angeregt hat. Im Büchlein faszinieren mich neben einer kulturkritischen Betrachtung des Spiels inklusive der Frage nach Gott (warum, wozu hat Gott die Welt geschaffen? Ist Gott schön?) Moltmanns Gedanken über »das menschliche Spiel der Befreiten«, die schließlich in Impulsen zum Experimentieren mit der Freiheit in Gottesdienst und Kirchengemeinde gipfeln. Mit Jürgen Moltmann beantworte ich auch die Frage nach dem Zweck von Religion, dass sich ihr Wert »nicht am sozialen Nutzwert« und an ihrer »moralischen Brauchbarkeit« festmacht. Sie ist vielmehr »um Gottes Willen und aus unendlicher Freude an Gott« zu leben – von den »ersten Freigelassenen der Schöpfung«.
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Norbert Copray ist geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung. Er leitet seit 1977 das Rezensionswesen von Publik-Forum.

