Pro und Contra
Weihnachtsgottesdienste nur für Geimpfte und Genesene?
In der Weihnachtszeit werden Gottesdienste oft von Menschen besucht, die sonst wenig Kontakt mit ihrer Gemeinde haben. Unterschiedliche Gründe bewegen sie – oft tiefe Sehnsucht oder große Einsamkeit. Sie an der Kirchentür abzuweisen, weil sie nicht geimpft sind, wäre ein fatales Signal, für diese Menschen wie auch in die Öffentlichkeit hinein.
Zu Gottesdiensten laden wir im Namen Gottes ein – und er weist niemanden zurück. In der Weihnachtserzählung wird die frohe Botschaft gerade den Menschen am Rand der damaligen Gesellschaft verkündigt. Auch wir stehen vor Gottes Angesicht dafür ein, niemanden auszuschließen und Brücken zu bauen, wo sich zurzeit immer tiefere Gräben auftun. »Ungeimpfte« werden allzu oft pauschal verurteilt, ohne dass gefragt wird, warum sie sich nicht impfen lassen. Zudem feiern wir seit eineinhalb Jahren Gottesdienste mit erfolgreichen Hygienekonzepten. Der Schutz, auch für diejenigen, die Sorge haben, mit ungeimpften Personen zusammenzutreffen, ist ausgesprochen hoch – vermutlich deutlich höher als in einer vollen Kirche unter 2G-Bedingungen. Zum vergangenen Weihnachtsfest haben wir außerdem eine Reihe neuer Gottesdienstformen entwickelt, etwa im Freien. Sie wurden für alle Teilnehmenden zu einem Erlebnis und haben eine breite Öffentlichkeit erreicht. Warum nicht auch in diesem Jahr? Gemeinden, die wirklich in der Kirche feiern wollen, sollten kostenfreie Tests vor den Gottesdiensten anbieten. Wer dann ein solches Angebot verweigert, schließt sich sichtbar selbst von der Teilnahme aus. Falls die Corona-Zahlen weiter steigen, sollte aber ganz auf Gottesdienste in der Kirche verzichtet werden. Das ist leichter verständlich, als einzelne Gruppen oder Menschen abzuweisen.
Manfred Kollig:
Ja, wir müssen andere schützen!
Auch in diesem Jahr sollen möglichst viele Menschen in der Advents- und Weihnachtszeit in einer Kirche Gottesdienste mitfeiern können. Nicht noch einmal, wie beim Osterfest 2020, Gottesdienste hinter verschlossenen Türen mit maximal zehn Gläubigen. Auch nicht, wie Weihnachten 2020, sich nur mit kleinen Gruppen zur Christmette versammeln. Dieser Wunsch muss mit unserer Wirklichkeit verbunden werden. Die Delta-Variante von Covid-19 hat die Infektionsgefahr in einer Weise gesteigert, wie es sich die meisten von uns vor wenigen Monaten noch nicht vorgestellt haben. Omikron wird die Situation abermals verschärfen. Der Wunsch, dass wir uns mit möglichst vielen Menschen im Advent und an Weihnachten zu einem Gottesdienst in einer Kirche versammeln können, ist verantwortlich nur zu erfüllen, wenn Menschen durch Impfung oder Genesung das Risiko schwerer Krankheitsverläufe gesenkt haben oder – wenigstens – einen negativen Test vorlegen. Zwei Aspekte müssen wir zusammendenken: Erstens hat in unserem Land derzeit jeder Mensch die Freiheit, sich impfen oder testen zu lassen. Zweitens haben wir als Christinnen und Christen eine Verantwortung für uns selbst und für die anderen. Das beinhaltet auch, einander im Rahmen unserer Möglichkeiten vor schweren Krankheiten zu schützen. Die Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, um die Infektionsgefahr einzudämmen und im Falle einer Infektion schwere Verläufe zu reduzieren, sind besser als an Weihnachten 2020, Gott und den Menschen sei Dank. Die Geburt des Heilandes zu feiern und gleichzeitig Unheil mit den uns aktuell zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu verhindern, ist für mich selbstverständlich; und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
Susanne Bei der Wieden, geboren 1966, ist Kirchenpräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche in Deutschland.
Manfred Kollig,geboren 1956, ist Ordenspriester und Generalvikar im Erz-bistum Berlin.

