Alter
Ein Recht auf Würde
Vor drei Jahren war der Nachbar noch rüstig, wenn auch ziemlich verwirrt. Er lebte allein in seinem Reihenhaus. Zweimal am Tag kam ein Pflegedienst, sein Sohn brachte ihm Essen und schaute nach ihm. In seinem Jogginganzug kam der Mann Ende Siebzig regelmäßig zu einem Plausch vorbei. Aber dann entglitten ihm die Sätze und Gedanken immer häufiger. Ziellos ging er auf Wanderschaft. Wir Nachbarn sammelten ihn ein, wenn wir es bemerkten, brachten ihn in sein Haus zurück, wo Fotos an den Wänden von seinem Leben mit Familie, Freunden, Sport und Bergwandern erzählten. Manchmal brachte ihn die Polizei. Dann kam die Pandemie, die Anspannung übertrug sich auf ihn, seine Unruhe wuchs. Irgendwann ging es nicht mehr. Den dementen Vater zu betreuen überstieg die Kräfte des Sohnes, zumal er durch die Corona-Krise selbst berufliche Probleme bekam. Er suchte nach einem Heimplatz. Einfach war das nicht. Dem Vater soll es dort gutgehen. Das Haus müssen er und sein Bruder verkaufen, um die 4000 Euro pro Monat für Unterbringung und Pflege bezahlen zu können.
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