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Susan Arndt analysiert den besonderen Erfolg der AfD im Osten, Andrea Böhm erinnert an kämpfende Frauen und Lars Distelhorst dekonstruiert Identitätspolitik.
vom 11.03.2026
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Susan Arndt
Ich bin ostdeutsch und gegen die AfD
C. H. Beck. 174 Seiten. 16 €

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 5/2026 vom 13.03.2026, Seite 56
Zusammenhalt
Zusammenhalt
Was gegen den neuen Faschismus hilft

Die Gründe für die überragenden Erfolge der AfD im Osten Deutschlands sieht die Autorin zu Recht auch im System der DDR, das zum Verbergen der eigenen Meinung anstiftete, falls sie nicht staatskonform war. Der Westen dominierte die ostdeutsche Transformation nach 1989 und versuchte, DDR-Bewohnern eine Schuldkultur voller Scham und Unbehagen aufzuzwingen. Ebenfalls zu Recht argumentiert sie, dass die AfD ein gesamtdeutsches Problem ist. Wer sie schwächen will, solle die Diskriminierung des Ostens durch den Westen abbauen. Diskriminierung, ein Hauptthema des Buches, sei systemisch und müsse systematisch bekämpft werden. Die Autorin behandelt Diskriminierung sensibel, genau, selbstkritisch, hier aber zu ausführlich. Sie lehrt englische Literatur und bringt immer wieder Beispiele aus der deutschen und englischen Literatur. Deutlich belegt sie den zunehmenden Rechtsruck in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Ein waches, kluges und vor allem ehrliches Buch. Jürgen Israel

Andrea Böhm
Fighting like a Woman
Rowohlt. 272 Seiten. 24 €

Die Journalistin Andrea Böhm hat Beispiele für den »physischen Feminismus« gesammelt. Darunter versteht sie Frauen, die gewaltsam für ihre Anliegen eintreten. Als langjährige Auslandskorrespondentin hat Böhm in vielen Regionen der Welt recherchiert. In London begab sie sich auf die Spuren von Edith Garrut, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Suffragetten Jiu-Jitsu beibrachte, um sie für die Konfrontationen mit der Polizei fit zu machen. In Benin sprach sie mit Nachfahrinnen der Agojie, jener Elite-Kämpferinnen im Königreich Dahomey des 18./19. Jahrhunderts. Auch aus dem Libanon, aus Mexiko, aus Kurdistan und vielen anderen Ländern hat Böhm, die selbst Hobby-Kampfsportlerin ist, Geschichten von kämpfenden Frauen vor dem Hintergrund der jeweils vorherrschenden kulturellen Debatten mitgebracht. Ein erstaunliches Panorama und unbedingt lesenswert! Antje Schrupp

Lars Distelhorst
Dekonstruiert Identitätspolitik
Nautilus Flugschrift. 240 Seiten. 20 €

Der Politikwissenschaftler Lars Distelhorst, Professor für Sozialpädagogik und Soziale Arbeit, unternimmt mit diesem Essay den Versuch, Identitätspolitik kritisch zu hinterfragen, aber gleichzeitig ihre ursprünglichen, emanzipatorischen Anliegen zu retten. Identitätspolitik bezeichnet er als politische Ansätze, die auf gemeinsamen Merkmalen wie kultureller Herkunft, sexueller Orientierung oder sozialem Status beruhen. Distelhorst kritisiert daran vor allem einen fehlenden Materialismus. Die ökonomischen Hintergründe von Diskriminierung würden zu wenig beachtet. Auch gebe es logische Fehlschlüsse. Trotz mancher Pauschalisierung gibt das Buch einen lesenswerten Überblick über die Debatten der letzten Jahre und zeigt die berechtigten Anliegen jener Ideen, die gerne als »woke« verunglimpft werden. Antje Schrupp

Thomas Kaufmann
Die Druckmacher
C. H. Beck. 350 Seiten. 28 €

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Der Buchdruck veränderte die Welt, er hat Volksbildung ermöglicht und die Reformation beflügelt. Ablassbriefe, Thesen, Sensationsberichte wurden als Flugschriften verbreitet und beförderten einen kulturellen Umbruch. Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte, beschreibt, »wie die Generation Luther die erste Medienrevolution entfesselte«. Drucker wie Aldus Manutius, Grafiker wie Albrecht Dürer, Humanisten wie Erasmus von Rotterdam oder Theologen wie Martin Luther vermarkteten sich selbst und machten Druck. Fake News wurden verbreitet, Gegner diffamiert, Filterblasen entstanden. Wie die Drucktechnik unser Denken und die Wissenschaft veränderte, das wird hier anschaulich – und lässt uns auch die digitale Gegenwart besser verstehen. Christine Weber-Herfort

Hanno Sauer
Klasse
Piper. 368 Seiten. 26 €

»Klasse ist sozial konstruierte Knappheit.« Mit dieser These beginnt die Analyse des deutschen Philosophen, der an der Universität in Utrecht lehrt. Er untersucht »Die Entstehung von Oben und Unten«. Klassenunterschiede prägten die Kultur und unsere Werte. Die Gesellschaft sei von der Ungleichheit, die durch die Klassenverhältnisse immer von Neuem produziert werde, durchdrungen. Auf die scharfe Kritik an Klasse und Statusdenken folgt gegen Ende das Argument der Alternativlosigkeit, denn es gebe keine »echte Alternative zum liberal-demokratischen Rechtsstaat mit sozialer Marktwirtschaft«. Allerdings: Der Kasino-Kapitalismus braucht die Demokratie nicht, wie wir gerade wieder erfahren. Er bringt sich (und uns) durch Kriege, Klimakrise und die Zerstörung der Artenvielfalt selbst um. Bei Strafe des Untergangs wird die menschliche Gemeinschaft gezwungen sein, Alternativen zu entwickeln. Ein gut lesbares, zum Widerspruch anregendes Buch! Christine Weber-Herfort

Bettina Schuler
Der Waldorf-Komplex
Droemer. 224 Seiten. 20 €

Keine Abrechnung soll es sein. Bettina Schuler will aber offenlegen, welche Weltanschauung hinter der Waldorfschule steckt und wie sich diese auf die dort gelebte Pädagogik auswirkt. Sie will die Schattenseiten des anthroposophischen Bildungssystems »zwischen Mystik und Pädagogik« erkunden. Dabei stellt sie fest: Oft passiere das Gegenteil von dem, was versprochen werde. So sei die formalisierte Kreativität anthroposophischer Kunsterziehung weniger kreativ, als viele glaubten. Locker geschrieben und leicht lesbar, verlangt das Buch keine Vorkenntnisse. Die Journalistin bringt eigene Erfahrungen aus der Waldorfpädagogik mit. Rudolf Steiners Lehre sei nicht per se für Kinder gefährlich. Doch Eltern, die mit der öffentlichen Schule unzufrieden seien, sollten genau hinschauen, ob eine Schule auf dieser esoterischen Weltanschauung eine überzeugende Alternative biete. Am Ende steht die Mahnung, nach Verbesserungen des klassischen Schulsystems zu suchen. Axel Bernd Kunze

Philipp Ther
Der Klang der Monarchie
Suhrkamp. 562 Seiten. 32 €

Der Autor, Professor für ostmitteleuropäische Geschichte, erinnert daran, dass die Musik, die wir als »klassisch« bezeichnen, einmal zeitgenössische Musik war. Auch lebte Musik zu der Zeit nur, wenn sie von Menschen »live« produziert wurde. Tonträger gab es nicht. Auf dieser Folie erläutert Ther in den Biografien Haydns, Mozarts, Beethovens und Schuberts, zu welchen Werken und welchen Formen sie durch die Intensität des damaligen Hörens und Verlangens veranlasst wurden. Das gilt auch für die heute als »Gelegenheitskompositionen« verachteten Werke wie »Wellingtons Sieg bei Vittoria«. Ther schildert die Rahmenbedingungen so verblüffend, dass man glaubt, man habe noch nie etwas Biografisches zu den großen Meistern gelesen oder zu der Energie, mit der die Hochadligen das Prestige von Meisterkonzerten für sich zu wahren suchten. Auch erhellend: Wie zäh das allgemeine Publikum um öffentliche Aufführungen kämpfen musste, selbst in der Wiener Hofreitschule. Die meisten der erwähnten Kompositionen sind in empathischen Interpretationen über QR-Codes im Buche abrufbar. A. Martin Steffe

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