Editorial
Der neue Faschismus, Krieg und Wiederaufbau im Nahen Osten, und ein Kolumnist verabschiedet sich
Liebe Leserin, lieber Leser,
das Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist verstörend: knapp zehn Prozent für SPD und Linkspartei zusammengenommen und fast doppelt so viel für die AfD. In den vergangenen Jahren habe ich mich oft gefragt, warum die wachsende Ungleichheit, die der neoliberale Kapitalismus hervorgebracht hat, nicht linken Parteien mehr Auftrieb gegeben hat. Im Interview mit der Philosophin Eva von Redecker habe ich eine Antwort bekommen: Vielen Menschen – und womöglich auch uns selbst – ist die Logik von Eigentum und Konkurrenz tief in die Seele eingeschrieben; so tief, dass die Steigerung dieser Logik im Faschismus oft näherliegt als der Kampf für ein anderes Wirtschaften. Der Kapitalismus hat nicht ökonomisch, aber er hat wohl kulturell gesiegt und bildet böse faschistische Blüten aus.
Die Weltlage ist beunruhigend. Frauen, die zu verschiedenen Zeiten aus Iran geflohen sind, berichten über Angst und Hoffnung im Blick auf den Krieg im Nahen Osten: Können Bomben wirklich einen Regime Change erzwingen, den sich so viele sehnlichst wünschen? Oder folgt ein Bürgerkrieg in Iran? Meiner Überzeugung nach kann Militär keinen Frieden schaffen. Dafür braucht es andere Qualitäten. Die Benediktinerinnen aus Dinklage haben einige davon: Sie gewähren Eziden nicht nur Klosterasyl, sondern planen mit ihnen, wie ihre Herkunftsregion, das Shingalgebirge im Nordirak, wieder begrünt werden kann, sodass Menschen dort leben können. Meine Kollegin Barbara Tambour staunte, was vom kleinen Dinklage aus alles möglich ist.

Für diese Ausgabe hat Fabian Vogt seine letzte Kolumne geschrieben. Einen herzlichen Dank an ihn, der zwölf Jahre lang – oft mithilfe seiner Männergruppe – seinem Alltag heiteren Sinn abgelauscht hat. Ihm folgt als neue Kolumnistin im April die Dichterin Nora Gomringer, die dann im Wechsel mit Anne Lemhöfer und Peter Otten schreiben wird. Fabian Vogt wird wieder am 15. Mai beim Publik-Forum-Thementag auf dem Katholikentag in Würzburg zu hören sein: mit Martin Schultheiß zusammen als Duo Camillo. Bei freiem Eintritt – es lohnt sich zu kommen!
Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen
Christoph Fleischmann ist Redakteur im Ressort Religion & Kirche.
Foto: ute Victor




