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Lichtblicke im Wahnsinn

»Wagen wir ein Experiment: Suchen Sie mit mir nach Hoffnungszeichen für 2017 – und dann schauen wir, was wir finden ...« Gedanken zum Jahreswechsel von Wolfgang Kessler
von Wolfgang Kessler vom 31.12.2016
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Ein großer Schritt, schon ist die andere Seite erreicht: Zum Jahreswechsel fragt Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler nach den Hoffnungszeichen für 2017. (Foto: istockphoto/vencavolrab)
Ein großer Schritt, schon ist die andere Seite erreicht: Zum Jahreswechsel fragt Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler nach den Hoffnungszeichen für 2017. (Foto: istockphoto/vencavolrab)

Zugegeben, das vergangene Jahr 2016 war ein wahnsinniges Jahr: Terror in Deutschland, immer mehr Gewalt weltweit, Erfolge der Rechtspopulisten, Volksabstimmung für den Brexit, Donald Trump wird zum US-Präsidenten gewählt – mehr Wahnsinn war selten. Und doch möchte ich am Anfang des neuen Jahres 2017 ein Experiment wagen: Schauen wir doch einfach mal auf die positiven Zeichen der letzten Monaten, die es durchaus gab.

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Neues Klima und alte Verbrechen

Fast unbemerkt ist zum Beispiel die Zahl der Hungernden weltweit stark zurückgegangen. Die Regierungen der Welt haben sich auf ein entschiedenes Klimaziel verständigt, 57 von ihnen wollen auf Kohle verzichten. Und auch die politische und mediale Kultur hat sich verändert: Nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin reagierten Politik, Medien und die meisten Bürger gefasst angesichts dieses Verbrechens – von den notorischen Lautsprechern in CSU und AfD einmal abgesehen.

Das Engagement – und die Gleichgültigkeit auf dem Sofa

Und da sind die kleinen Zeichen der Hoffnung: Nach der zunehmenden Kritik an den sogenannten sozialen Medien während des US-Wahlkampfes konnte die New York Times nach der Wahl Trumps 14.000 Abonnenten mehr verbuchen, in wenigen Wochen. In Deutschland stiegen die Mitgliedszahlen der SPD, von Bündnis 90/Die Grünen und der Linkspartei um mehrere Tausend an. Und eine Studentin schrieb uns sinngemäß: Jetzt kann ich mir meine Gleichgültigkeit auf dem heimischen Sofa nicht mehr leisten, ich engagiere mich – und sie hat es getan.

Schlägt das Pendel also schon zurück, von der bedrohten zu einer besseren Welt? Nein, es wäre bei weitem zu früh, das zu hoffen. Allerdings gibt es erste Zeichen einer Auferstehung, wie die Welt sie braucht und wie wir sie für unser Leben in dieser Welt brauchen. Denn bei aller Sehnsucht nach Hoffnung muss man Anfang 2017 feststellen: Die Lage ist ernst.

Leben in der Revolution des Kapitalismus

Wir leben seit den 1990er Jahren in einer wirtschaftlichen Revolution, deren Folgen wir erst jetzt zu spüren bekommen. Seit der Überwindung des real existierenden Sozialismus hat ein brutaler Kapitalismus die Welt erobert. Es waren die westlichen Regierungen, die die Geister aus der Flasche ließen: In vielen Ländern wurde der Staat aus der Wirtschaft zurückgedrängt, Steuern und Sozialleistungen wurden gesenkt. Fast alle Begrenzungen für das Kapital wurden abgebaut.

Die Exporteure des Westens erhofften sich größere Märkte – und bekamen sie. Doch das hatte Folgen. Schwellenländer wie China, Indien, Indonesien, Brasilien, Mexiko oder die Türkei wuchsen zu großen Exporteuren heran – und lieferten ihre (Billig-)Produkte in die reichen Länder. Der Welthandel hat sich seit Anfang der 1990er Jahre versechsfacht. Angetrieben wird er von den Finanzmärkten. Wer Geld hat, kann es in Millisekunden in jedes Land der Welt überweisen. Geld ist global.

Die 50 Reichsten – so reich wie 47 Prozent der Menschheit

Diese Entwicklung hatte Vorteile: Rund 500 Millionen Menschen in China, Indien, Brasilien oder anderen Schwellenländern geht es besser als vor zwanzig Jahren, weltweit ist die Zahl der Hungernden zurückgegangen. Doch diesen positiven Folgen der Entwicklung stehen große Probleme gegenüber: Der Finanz-Kapitalismus hat eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich geschaffen. Die 50 reichsten Menschen besitzen so viel wie 47 Prozent der Menschheit. Selbst in einem reichen Land wie Deutschland halten inzwischen die zehn Prozent reichsten Haushalte etwa 70 Prozent des Privatvermögens. Und wie früher liefern die Armen den Rohstoff für den Wohlstand der Reichen: 30 Prozent der Nahrungsmittel sind Futtermittel für Tiere. Wir genießen jede Menge Elektronik, doch die Ausbeutung der Rohstoffe kostet in Afrika Menschenleben.

Wie im Westen, so auf Erden

Gleichzeitig breitet sich im Süden und Osten der Welt jener industrielle Turbokapitalismus aus, den die Industrieländer zur Perfektion entwickelt haben: Automobilität, Kohlekraft, Atomkraft, hoher Ressourcenverbrauch. Natürlich hat der Süden dazu so lange das Recht, wie wir uns das Recht nehmen. Doch klar ist: Die Welt hält es nicht aus, wenn alle Menschen so viel Auto fahren, so leben, so arbeiten wie Amerikaner und Deutsche. Und doch läuft die Entwicklung weiter nach dem Motto: Wie im Westen, so auf Erden. Diese Entwicklung unterwirft traditionelle Kulturen, andere Religionen, andere Lebensweisen dem kapitalistischen Denken. Vor allem die islamische Welt zeigt, dass diese Zerstörungen von Traditionen den Nährboden für Gewalt bilden.

Eine Traumwelt für die Putins, Erdogans und Trumps

So haben wir es seit vielen Jahren mit einer schwierigen Situation zu tun: Mehr Menschen weltweit als je zuvor haben Zugang zum Weltmarkt und kämpfen um weniger Lebenschancen, weil die ökologischen Grenzen des Wachstums die materiellen Lebenschancen aller begrenzen – wenn die ganze Welt das westliche Wirtschaftsmodell übernimmt. Dieser Kampf aller gegen alle um einen kleiner werden Kuchen ist die Ursache für wachsende Gewalt, für Kriege, für Aufrüstung. Er schafft das Klima, in dem die Putins, die Erdogans, die Trumps dieser Welt ihre autoritären Herrschaftsgelüste ausleben. Dieser Kampf heizt das Klima auf und vertreibt Millionen Menschen aus ihrer Heimat.

Die Hoch-Zeit des Egoismus

Dieser Kampf aller gegen alle um bessere Lebenschancen findet überall statt, auch in den westlichen Wohlstandsländern: Dort ringen oft genug jene, die Angst vor ihrem Abstieg haben, mit jenen, die auf neue Perspektiven hoffen, weil sie aus Regionen der Welt kommen, in denen es keine Lebensperspektiven mehr gibt. Dieser Kampf aller gegen alle bedroht die westlichen Demokratien, weil die Durchsetzung des Rechtes des Stärkeren für viele den Vorrang hat vor der Solidarität mit jenen, die nach besseren Lebenschancen suchen. Es ist die Hoch-Zeit des Egoismus, in der jeder versucht, sein Stück Kuchen zu retten – auch wenn anderen nur die Krümel bleiben. Und dieser Egoismus nimmt zuweilen faschistische Züge an, wenn es darum geht, den eigenen Wohlstand gegen die jeweils anderen – oder die Fremden – zu verteidigen.

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch

In dieser Lage sind Hoffnungszeichen, auch kleine, wichtiger denn je. Und das Jahr 2016 hat gezeigt, dass der Dichter Hölderlin doch recht hat: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Viele Bürger erkennen, dass Demokratien nur so stark sind, wie sich die mündigen Bürgerinnen und Bürger für sie engagieren. Wer bisher glaubte, auf dem Sofa warten zu können, bis die Fanatiker endgültig verloren haben, weil sich gute Argumente immer gegen schlechte Gefühle durchsetzen, sah sich 2016 eines Schlechteren belehrt. Deshalb sind die Hoffnungszeichen der letzten Wochen so wichtig: weil sie zeigen, dass eine gerechtere Welt mit weniger Hunger und mehr Wohlstand für alle möglich ist, wenn die Politik sie will; weil sie zeigen, dass sich die Regierungen der Welt das Klima nicht von einem verderben lassen wollen, der sich nicht um den Klimawandel kümmern will; weil sie deutlich machen, dass es nicht gleichgültig ist, wo ich mich informiere und wofür ich mich engagiere. Zugegeben, es sind einzelne Zeichen, das Rettende wächst langsam. Aber es wächst.

Ein Hoffnungszeichen für 2017.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Kessler ist Ökonom und Chefredakteur von Publik-Forum. Er schrieb das Buch »Zukunft statt Zocken«. Publik-Forum Verlag.
Schlagwort: Hoffnung
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