Ernesto Cardenal: »Die Welt muss wissen, was hier passiert«
Publik-Forum: Herr Cardenal, in Nicaragua werden selbst Kirchen beschossen, Hunderte verloren ihr Leben, darunter auch Kinder. Wie erleben Sie die Ereignisse der letzten Wochen?
Ernesto Cardenal: Was in Nicaragua geschieht, ist eine Tragödie, die in diesem Ausmaß nicht zu erwarten war. Aber ich habe schon 1994 gesagt, dass Daniel Ortega die Sandinistische Befreiungsfront (FSLN) für seine eigenen Machtgelüste instrumentalisiert hat, und bin aus der FSLN ausgetreten. Wir erleben eine humanitäre Katastrophe und Staatsterrorismus. Die Gewalt geht von der Regierung Ortega aus. Sie steuert die bewaffneten, polizeiähnlichen Truppen, die Scharfschützen in ihren Reihen haben.
Was ist aus den Idealen der Revolution von 1979 geworden?
Cardenal: Seit April gehen die Jugendlichen Nicaraguas auf die Straße. Sie fordern Demokratie und Freiheit. Sie erfüllen damit die prophetische Vision, die meinem Bruder, dem ehemaligen Bildungsminister Fernando Cardenal vorschwebte, als er die große Alphabetisierungskampagne in Nicaragua ins Leben rief. Er hat immer vorhergesagt, dass Veränderungen von der Jugend ausgehen werden.
Wird diese Vision von den Christen unter den Protestlern weitergetragen?
Cardenal: Ich weiß nicht, wie viele der Protestierenden bekennende Christen sind, aber ich vermute, es sind viele. Und sie werden geleitet von den Idealen, die auch in den 1970er-Jahren im Kampf gegen den damaligen Diktator Somoza unsere Helden und Märtyrer leiteten. Es ist beklagenswert, dass die Entschlossenheit und das Engagement der Jugend von der Regierung so brutal unterdrückt werden.
Hat der Widerstand eine Chance?
Cardenal: Obwohl der Staat massiv Gewalt anwendet, ist es ihm bisher nicht gelungen, den gesellschaftlichen Protest zu ersticken. Die Mobilisierung geht weiter. Es ist ein Erfolg der Zivilgesellschaft, dass sich Daniel Ortega und seine mitregierende Frau Rosario Murillo zur Teilnahme am Nationalen Dialog bereit erklärten. Zum ersten Mal seit elf Jahren mussten sie sich gemeinsam mit Studenten, Vertretern der Bauernbewegung und der Zivilgesellschaft sowie mit einflussreichen Unternehmern und Wirtschaftsvertretern an einen Tisch setzen. Doch die Strategie der Ortega-Regierung besteht darin, diesen Dialog zum Stillstand zu bringen, während sie gleichzeitig auf den Straßen Terror und Chaos entfacht. Es ist noch ungewiss, ob der Nationale Dialog eine Antwort auf das Aufbegehren des Volkes geben kann. Denn das Volk fordert Gerechtigkeit und den Rücktritt Ortegas …
… der sich aber zusammen mit seiner Frau weiterhin an der Macht hält.
Cardenal: Daniel Ortega und Rosario Murillo dürfen nicht länger von der Bewegung der Linken unterstützt werden. Durch ihr skrupelloses Handeln haben sie unsere Ideale verraten. Die Helden und Märtyrer der sandinistischen Revolution verdienen es nicht, dass die Erinnerung an sie auf diese Weise vom Völkermord eines Diktators beschmutzt wird, der sie verraten hat.
Was wird von den Idealen der Revolution bleiben?
Cardenal: Die christlichen Ideale sind nie in Gefahr, sie bleiben weiter bestehen.
Wie werden Sie mit Ihren Enttäuschungen fertig?
Cardenal: Meine Antwort ist mein christlicher Glaube und mein Glaube an einen authentischen Marxismus.
Wollen Sie eine Botschaft an Ihre Leser und Freunde in Deutschland richten?
Cardenal: Die Welt muss wissen, was in Nicaragua passiert. Das Volk in Nicaragua fordert Freiheit und Demokratie. Es hat in seinem Kampf Unterstützung verdient. Die Opfer von Ortega und Murillo verdienen Gerechtigkeit.
Die aktuelle Lage beschreibt Toni Keppeler in einer Reportage in der neuen Printausgabe von Publik-Forum. Mit Digitalabo können Sie diese Reportage direkt online lesen.
