Zum Anbeißen
Religionen nerven. Ihre Mitglieder bekämpfen einander, hassen sich, bringen sich gegenseitig um oder köpfen »die Ungläubigen« vor laufender Kamera. Schiiten gegen Sunniten gegen Alawiten gegen Aleviten und alle gegen die Juden. Muslime gegen Christen. Hindus gegen Muslime. Liberale Juden, Protestanten und Katholiken gegen konservative Evangelikale, Traditionalisten, Orthodoxe.
Alle zusammen nerven besonders einen: den modernen, westlichen, einigermaßen aufgeklärten Durchschnittsbürger, dessen absolute Wahrheit lautet, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Wenn es sie doch geben sollte, dann wird sie keinem Sterblichen zuteil. Und das, so dachte dieser moderne Mensch noch bis vor Kurzem, sei eigentlich Konsens, zumindest in Mitteleuropa.
Vorbei. Kreuze raus aus den Schulen, Gebetsräume für Muslime rein, Speisegebote in den Kantinen, Tanzverbot am Karfreitag, keine Fußballspiele am Totensonntag, Kopftücher, Burkas, Schächten. Beschneidungen der Vorhaut und Beschneidungen der Meinungsfreiheit aus Rücksicht auf religiöse Gefühle oder aus Gründen der Sicherheit vor Terrorismus, Diskussionen über eine Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen – die Zahl der religiös bedingten Konflikte steigt mit der Zahl der Einwanderer, die ihre kulturellen und religiösen Hintergründe mitbringen.
Die Schwäche des Protestantismus erweist sich als Stärke
Der »normale« Mitteleuropäer möchte davon eigentlich nicht behelligt werden, ist aber gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, obwohl er nicht besonders bibelfest ist und vom Koran in der Regel überhaupt nichts weiß. Er versteht nicht, warum die Identität eines Mannes an dessen Vorhaut und die Ehre einer Familie am Jungfernhäutchen der Tochter hängen soll. Er weiß nicht, worum es beim Abendmahlsstreit zwischen Protestanten und Katholiken geht, und will es auch gar nicht wissen.
Er weiß auch nicht, was am Schwein schlechter oder unreiner sein soll als am Schaf. Er versteht nicht, wie sich fehlbare Menschen als Papst, Imam oder Oberrabbiner anmaßen können, für alle verbindliche Wahrheiten zu formulieren. Noch weniger versteht er, dass sich im 21. Jahrhundert Millionen Einzelne dem jeweiligen Diktum ihrer Autoritäten unterwerfen und sich bis in ihr Sexualleben hinein vorschreiben lassen, was schicklich sei.
Es fällt ihm schwer, solch einem Verzicht auf selbstständiges Denken den Respekt zu zollen, der von den Autoritäten – allen voran den islamischen – ziemlich laut eingeklagt wird. Dennoch hält er es, wenn auch kopfschüttelnd, aus Gründen der Toleranz und der Freiheit für nötig, die Religionen mit ihrem bunten Treiben gewähren zu lassen. Nur: Sympathischer werden sie ihm dadurch nicht. Glauben erwecken sie so nicht. Statt einer neuen Hinwendung des säkularen Menschen zu religiösen Traditionen erreichen sie dessen endgültige Abwendung.
Das schafft ein weiteres Problem: Gerade jene multiethnischen, multikulturellen, multireligiösen Gesellschaften, die mit wachsendem Tempo in Europa entstehen, brauchen eine Verständigung darüber, wie sie Lagerdenken verhindern, ihrem Zerfall entgegenwirken und freundlich miteinander leben und arbeiten können.
Wo wäre der Ort, an dem diese überlebensnotwendige Verständigung stattfinden könnte? Wer könnte sie organisieren, moderieren, entwickeln und voranbringen? Die politischen Parteien? Denen glaubt keiner. Der Staat? Ihm wird misstraut. Also die Kirchen? Aber nur, da bitte ich die Katholiken um Verzeihung, die meinige, die evangelisch-lutherische. Denn es erweist sich nun, dass die ihr oft vorgeworfene und teilweise von ihr selbst so empfundene »Profillosigkeit« in Wahrheit eine Stärke ist. Der Protestantismus verfügt über eine Dynamik wie keine andere Konfession oder Religion.
