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Schneewanderung

von Erika Lützner-Lay
vom 27.01.2021
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Schnee!
Sonntagmittag stapfen wir über vereiste Wege, lassen die Stiefel eintauchen ins wattige Weiße in den Wiesen. Vertrautes Land, heute ganz verzaubert.
Der Blick schweift ins verschneite Wiesenweite – ja, was ist das!?
Hier und da und dort und drüben am Hügel und weiter dahinten unter den Apfelbäumen noch mehr!
Lauter weiße Gestalten!
Schneegestalten, die Wiesenfläche lebt mit Schneegestalten!
Das gab es hier so noch nie!
Staunend, schmunzelnd nehmen wir die Parade ab, forschend, bewundernd:
Strammer Kerl mit kecker Moosfrisur und Bärtchen blickt mit Walnussaugen ins Weite – bewaffnet mit Geäst im Arm. Dralle Schneefrau mit Kind an der Seite, dem sitzt der Kopf schief. Aber es lächelt schüchtern mit seinem dünnen Ästchenmund, die Ästchenarme weit ausgebreitet vor Freude.
Alle, alle zeigen ihr Eigenleben!
Bewegt bleibe ich stehen bei dieser kleinen Schneefigur vor dem Hagebuttenstrauch.
Lange muss ich sie immer wieder anschauen.
Sie hält mich fest mit ihrem – ja was???
Was ist das?
Ihre Grashaare verdecken die Stirn, darunter lächelnde Augen aus Ackersteinchen und dazu dieser sanft lächelnde Mund aus zartem Geäst.
Sie rührt mich.
Woher dieser Ausdruck?
Je länger ich schaue, umso sicherer bin ich, sie hat eine unsichtbare Sonne im Herzen in ihrer Schneebrust bis tief in ihren Schneebauch hinein, und die leuchtet ins Tal, ganz unabsichtlich – einfach so.
»Du steckst mich an! Heiter, sonnig!«, sage ich zu ihr, still, innen.
Sie versteht mich, ganz sicher.
Nebenan, ein Steinwurf entfernt, sausen Väter, Mütter, Kinder mit Schlitten den Hügel hinunter.
Hunde dazwischen.
Hier haben meine Kinder sich damals schon ausgetobt,
und jetzt geht hier das frohe Treiben wieder los.
Corona macht`s möglich, bringt alle heute in den Schnee!
Mit dem Sonnenschneemädchen im Rücken genieße ich das quirlige Leben vor mir.

»Pieter Brueghel« kommt mir in den Sinn. Vor mir sehe ich sein buntes Winterbild mit den Schlittenfahrten. Damals hing es im Klassenzimmer des Gymnasiums. Sommer wie Winter. Immer. In vielen Stunden war es ein Blickfang, oft ein Anker, Sommer wie Winter,
auch an ganz trüben Tagen.
Zehn Jahre, elf Jahre alt war ich damals.
Jetzt stehe ich zwischen dem lustigen schlittenfahrenden Volk vor mir und dem Schneemädchen mit dem Sonnenherz an der Hagebuttenhecke hinter mir. Zwiesprache von innen.
»Dich hätte ich damals gebraucht, genau so im Rücken«, sage ich zu ihr wortlos – von innen.
»Doch, du warst damals auch schon ich. Auch!«
»Stimmt«, sagt sie.
»Ich erkenne dich wieder!«

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