Rom räumt auf: Nonnen abgestraft
Angesichts der aktuellen Missbrauchs-Prozesse in Pennsylvania, Missouri und West Virginia sollte man denken, dass Rom ein Problem mit den amerikanischen Bischöfen hat. Weit gefehlt. Es sind Amerikas Nonnen, die den Vatikan vergrätzen. Insbesondere ihr ungenügend gehorsamer, von der reinen Lehre abweichender Dachverband. Und dem geht es jetzt an den Kragen.
Zwei Jahre lang hat sich die Leadership Conference of Women Religious (LCWR), die mehr als 80 Prozent der rund 57 000 US-Ordensschwestern repräsentiert, einer »Visitation« unterziehen müssen. Am 18. April - nur wenige Stunden nachdem die nach Rom gereiste LCWR-Führung das achtseitige Dokument zu Gesicht bekommen hatte - verbreitete die US-amerikanische katholische Bischofskonferenz in Washington das weltweit für Schock und Aufruhr sorgende Ergebnis der Inquisition: Amerikas Nonnen wird zwar verdienstvolle karitative Arbeit bescheinigt. Auch ihr Einsatz in katholischen Schulen und Krankenhäusern erntet Wohlgefallen. Doch dem Lob folgt das Strafgericht: Rom geht das soziale Engagement der Schwestern entschieden zu weit. Ihre betonte Hinwendung zur »social Gospel« habe zur Vernachlässigung anderer (römischer) Prioritäten geführt. Die Nonnen würden sich nicht vernehmlich genug gegen Abtreibung, Homo-Ehe und die Ordination von Frauen aussprechen. Verschiedene Ordensschwestern hätten Erklärungen abgegeben, die Positionen der Bischöfe hinterfragten oder gar widersprächen. Und bei manchen Gelegenheiten hätten Rednerinnen auf LCWR-Konferenzen einen »gewissen, radikalen - mit dem katholischen Glauben unvereinbaren - Feminismus vertreten«.
Weil sie die aktuelle Situation von Lehre und Seelsorge in der LCWR als »besorgniserregend« empfinden, haben sich die Hardliner in Rom zu einer Reihe drastischer Disziplinarmaßnahmen entschlossen und die Ordensschwestern ohne jede Diskussion vor vollendete Tatsachen gestellt: Ihr Verband darf sich nicht mehr selbst verwalten. Die Führung der LCWR wird ab sofort und für einen Zeitraum von fünf Jahren vom Erzbischof von Seattle, Peter Sartain, übernommen.
Sartain, der auch die Visitation leitete, soll zusammen mit zwei weiteren Bischöfen neue Statuten für die LCWR schreiben, neue Programme ausarbeiten und überprüfen, welche Organisationen dem Verband angegliedert sind.
»We Are All Nuns!«
Roms Versuch, Amerikas Nonnen auf Grund feministischer Tendenzen und doktrinärer »Unreinheiten« zu entmündigen, hat dem sowieso angeschlagenen Image der Kirche weiter geschadet. Amerikaner lieben und verehren ihre Nonnen; die Bischöfe werden allenfalls geduldet. So wundert es nicht, dass die Solidarität mit den Ordensfrauen groß ist. Die US-amerikanische Theologin und Privatdozentin Mary E. Hunt sagt es in einem einzigen, emphatischen Satz: »We are all nuns!« Und der Historiker Gary Wills analysiert klipp und klar: »Der Vatikan hat eine harsche Erklärung veröffentlicht, in der behauptet wird, dass amerikanische Nonnen nicht dem Denken ihrer Bischöfe folgen. Diese Erklärung ist absolut wahr. Gott sei Dank: Sie tun es nicht.«
Die LCWR will mit ihrer offiziellen Stellungnahme zu den Vorwürfen bis zu ihrer nächsten Vollversammlung am 6. Mai warten. Der Verband habe nur zwei Optionen, sagen die Anwälte: Entweder er füge sich dem Diktat aus Rom - oder er verliere die vom Vatikan verliehene Anerkennung als Repräsentant der amerikanischen Nonnen.
