Religion am Pranger
Es ist schon erstaunlich, wie sehr man in seiner eigenen Ideologie gefangen sein kann. Im Grundsatzprogramm der Alternative für Deutschland (AfD) gibt es Belege dafür. Einer davon findet sich in Kapitel 7 unter der Überschrift: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland.« Der erste Satz des jetzt folgenden Textes lautet: »Die AfD bekennt sich uneingeschränkt zu Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit.«
Wer in Überschrift und erstem Satz des Kapitels eines Widerspruch zu erkennen meint, hat die AfD in diesem Punkt nicht verstanden. Für sie ist der Islam keine richtige Religion. Für sie ist er eine politische Ideologie, die sich mit dem Grundgesetz nicht vereinbaren lässt. Die Partei stört sich am islamischen Gottesverständnis, an der Existenz der Scharia, an Minaretten und Muezzinen. Sie stört sich »am islamischen Ausland«, an den muslimischen Verbänden, an islamisch begründeten Kleiderordnungen. Jeden Versuch, den Islam in Deutschland heimisch zu machen, erklärt sie strikt für unmöglich.
Was aber ist mit den mehr als vier Millionen Musliminnen und Muslimen, die in Deutschland leben? Beatrix von Storch, die stellvertretende Parteivorsitzende, sagte beim jüngsten Parteitag, dass man sie natürlich nicht gleich alle ausweisen könne. Aber gut sei es schon, wenn man nicht merke, dass sie Muslime seien. Und Hans Thomas Tillschneider, Islamwissenschaftler und AfD-Abgeordneter in Sachsen-Anhalt, fügte hinzu: »Wenn wir gegen Islamisierung des Abendlandes sind, können wir nicht für eine Verwestlichung des Islams eintreten.« Sein Satz nimmt allen Muslimen die letzte Hoffnung auf einen Ausweg aus der Falle, die die AfD für sie aufgestellt hat.
Die Partei bekennt sich zu einer deutschen Leitkultur, die sich, so heißt es, »aus den Überlieferungen des Christentums, der wissenschaftlich-humanistischen Tradition und dem römischen Recht« speise. Wie die AfD daraus schließen kann, den Islam verbannen zu dürfen, ist ein Rätsel. Sollte sie das Christentum nicht verstanden haben? Sie bezieht sich in keinem Punkt auf dessen geschwisterliche, menschenrechtliche und universale Ideale. Stattdessen stellt sie das Christentum abgrenzend als Religion der Deutschen vor.
Sollte die AfD auch nicht wissen, dass das römische Recht dafür gemacht war, einen Vielvölkerstaat zusammen zu halten? Sollten sie ebenso wenig die Berührungspunkte zwischen Humanismus und Islam kennen? Man fragt sich, wie eine Partei voller Bildungsbürger so versagen kann. Und man fragt sich auch, warum diese Bürger glauben, eine Gruppe Unerwünschter definieren zu dürfen. Die Zeiten, in denen das eine Partei tat, sind in schrecklicher Erinnerung.
Was bedeutet – in letzter Konsequenz – der Ausschluss einer Religion aus der Öffentlichkeit? Er bedeutet den Ausschluss religiöser Menschen. Kann das gut gehen?
Das versucht gerade eine andere Partei auszuloten. Die Linke bereitet sich auf ihren Bundesparteitag in Magdeburg vor. Der Landesvorstand von Sachsen hat einen Antrag auf die Zielsetzung »radikale Trennung von Staat und Religion« gestellt, der die Christen bei den Linken alarmiert. »Hauruck-Laizismus« nennt das Konzept der Theologe Franz Segbers. Er erinnert daran, dass »Laizität zu einem Bollwerk gegen soziale, bürgerrechtliche und linke Positionen« werden kann, wie in Frankreich.
Und in der Tat: Benachteiligte Minderheiten erleben ihre Benachteiligung verschärft, wenn man ihnen sagt, dass die eigene Religion – oft das als zentral empfundene Merkmal der Identität – nicht erwünscht sei. Nicht zufällig macht sich der Front National für Laizität stark. Und nicht zufällig trifft islamistisch motivierte Gewalt jene Öffentlichkeit, die die Religion glaubt erfolgreich verbannt zu haben.
Nicht zufällig auch macht sich gerade der sächsische Landesverband zum Sprachrohr der Religionskritiker. Jener Verband behauptet, »konsequente Laizisierung« mache Deutschland erst offen gegenüber Migranten. Weiß er nicht, wie viele Christen sich für Flüchtlinge engagieren?
Den sächsischen Linken sitzt offenbar die DDR noch in den Knochen. Damals hatte der Staat »das Absterben der Religion« zum Ideal erklärt. 1989 waren es dann nicht totzukriegende Christinnen und Christen, die ihre Kirchen zu Orten der Revolution machten. Bürgerrechtler, Freiheitsfreunde. Nur keine Ideologen.
Die Links in den Kommentaren der Leserinnen und Leser sind leider aus technischen Gründen nicht aktiv. @ThomasDudzak gibt einen wichtigen Hinweis auf den Wortlaut des Antrags »Liberté, Egalité, Laicité« der sächsischen Linken. Um ihn zu lesen, klicken Sie bitte hier.
