Reformation am Rande
Ein Lutherjubiläum braucht einen Heldenreformator. Diese Faustregel galt über Jahrhunderte. Sie förderte viele Lutherbilder zutage, denen man zu verschiedenen Zeiten mit Inbrunst huldigte: Luther, dem Antikatholiken. Luther, dem großen Theologen. Luther, dem Revolutionär. Luther, dem Visionär eines einigen Deutschlands. Nur in diesem Jahr, dem 500. seit dem vermuteten Thesenanschlag an die berühmte Kirchentür zu Wittenberg, will es mit dem Heldenreformator einfach nichts werden.
Der »Luther 2017« wird noch gesucht
Vielleicht liegt es daran, dass die Zeit der Helden vorbei ist. Vielleicht sind aber auch andere Umstände schuld: Deutschland ist ein säkulares Land geworden, in dem die Christen zwar formal immer noch knapp in der Mehrheit sind, die Protestanten aber nur etwa ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Ein Viertel, das sich in vielen verschiedenen Milieus tummelt, das arm und reich, gebildet und abgehängt, visionär und verzagt, kreativ und langweilig ist. »Den« Protestanten gibt es nicht mehr. Vielleicht hat es ihn nie wirklich gegeben. Aber auf so verschiedenen Wegen wie heute war er wohl noch nie unterwegs.
Wer sind wir, und wenn ja, wie viele?
Wie richtet man ein Fest aus für diesen gespaltenen Protestanten? Ein ganzes Jahr lang hat es die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) versucht. Und wenn hier von »der Kirche« die Rede ist, so in einem protestantischen Sinne: Das »Priestertum aller Gläubigen« wurde 2017 gelebt, bis in die kleinste Gemeinde hinein. Tausende von Feiern, Vorträgen, Diskussionsrunden, Workshops fanden statt. »Wer sind wir, und wenn ja, wie viele?« In Abwandlung eines Buchtitels von Richard David Precht schritten evangelische Christinnen und Christen zur Selbstfindung und -vergewisserung. Der Geist wehte, wo er wollte. Und er ließ Flammen wieder auflodern, wo das Feuer längst verloschen zu sein schien.
Ökumene? Zum Gähnen!
Doch das Jubiläumsjahr förderte auch zutage, wie hilflos das kirchenleitende Personal der raschen Veränderung der deutschen Gesellschaft gegenübersteht. Hatte man sich früh entschlossen, das Jubiläum als »Christusfest« in freundlicher Nähe zu den Katholiken zu begehen, so wurde diese ökumenische Offensive von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewürdigt. Die Voraussetzung dafür wäre gewesen, dass sich weite Teile ebenjener Bevölkerung noch für den Fortschrift der innerchristlichen Ökumene interessierten. Das aber ist nicht der Fall. Die theologischen Topoi werden kaum mehr verstanden, die Streitpunkte unter den Kirchen von den allermeisten Christen für persönlich irrelevant erklärt. Man lebt so, wie man es selbst für richtig hält, ob mit oder ohne Segen von Pfarrern oder kirchlichen Gremien. Dass sich Heinrich Bedford-Strohm (Chef, evangelisch) und Reinhard Marx (Chef, katholisch) in diesem Jahr so oft umarmten und herzten wie nie zuvor, war schön, aber nicht lebensverändernd für die meisten Christen.
Theologie: Doch keine freie Wissenschaft?
Ebenso offensichtlich wurde das gestörte Verhältnis zwischen Kirche und Theologen. Thies Gundlach, Vizepräsident im Kirchenamt der EKD, warf im Frühjahr weiten Teilen des wissenschaftlichen Personals vor, sich »nicht konstruktiv« am Jubiläum zu beteiligen. Man versinke in »kleinlicher Kritik an der Festgestaltung« und widme sich nicht seiner Aufgabe, »die besondere Bedeutung, die die Gesellschaft der Reformation weiterhin zuerkennt«, historisch zu »rekonstruieren« und theologisch zu interpretieren. Dabei sei die evangelische Theologie doch eine »gut ausgestattete Wissenschaft«! Kaum deutlicher konnte der offenbar auflebende Anspruch der Kirche formuliert werden, die Wissenschaft habe ihren Zwecken zu dienen.
Unentschieden: Pro Pegida oder pro Flüchtlinge?
Politisch zeigten sich evangelische Christinnen und Christen in Deutschland in diesem Jahr so gespalten wie die ganze Gesellschaft. Während ein Landesbischof (Dröge, Berlin) auf dem Kirchentag brillant den Rechtspopulismus der AfD entlarvte, forderte ein anderer (Rentzing, Dresden), man möge den Einzug der AfD in den Bundestag »als Ausdruck politischer Vielfalt« einfach akzeptieren. Während die einen bei Pegida ihre Heimat finden, öffnen die anderen Kirchentüren für Flüchtlinge und Obdachlose. Das Reformationsjubiläum einte die Verschiedenen nicht. Dafür fehlt es der Kirche an Kraft.
Luther schaffte es einst, diese Kraft aufzubringen. Er reagierte auf das Bedürfnis vieler Menschen, sich aus Angst und Unwissenheit zu befreien. Die Kirche kann heute wahrnehmen, dass das Bedürfnis nach gutem Leben noch immer nicht befriedigt ist. Dass sie sich mit den Visionären einer menschenfreundlichen Zukunft verbünden muss. Und dass sie sie außerhalb ihrer Mauern findet. Draußen vor der Tür.
