Nonnen in Rom: Krisentreffen für die Katz
»Wir waren dankbar für die Gelegenheit zum offenen Dialog. Und wir werden jetzt mit unseren Mitgliedern über die nächsten Schritte beraten.« Kurz und bündig kommentierte US-Nonnen-Präsidentin Pat Farrell das am 12. Juni auf Wunsch des Verbandes der Ordensschwestern anberaumte Treffen im Vatikan. Doch das Gespräch hat offenbar nicht zur Klärung des Streits zwischen Rom und dem Dachverband der US-Frauenorden (LCWR) beigetragen. Die Gesprächspartner der nach Rom gereisten Schwestern Farrell und Janet Mock - der Leiter der Glaubenskongregation Kardinal William J. Levada und Seattles Erzbischof J. Peter Sartain - sahen jedenfalls keinen Grund zur selben Zurückhaltung, die die Nonnen nach dem Gespräch übten. Im National Catholic Reporter produzierten sie sich soeben als »good cop« und »bad cop«:
Kardinal Levada, die treibende Kraft hinter der LCWR-Razzia, hält eine Reparatur des zerrütteten Verhältnisses zwar noch für möglich. Er warnt aber gleichzeitig vor der Gefahr eines »Dialogs der Tauben«. Denn laut Levada hat der Verband der Ordensschwestern selbst während der vorausgegangenen jahrelangen Gespräche Entscheidungen getroffen, die sich über Roms Bedenken hinweggesetzt hätten. Levadas zweite Warnung ist noch expliziter: Sollte die Leitungskonferenz die im April 2012 von der Glaubenskongregation verlangten Reformen nicht akzeptieren, könne das zur Folge haben, dass der Verband von einer neuen Organisation ersetzt werde, die die Lehren der Kirche getreuer vermittele. »Wir können den Verband nicht zum Kurswechsel zwingen, aber wenn es darauf hinausläuft, können wir ihm die offizielle Anerkennung entziehen.«
Die von der LCWR erhobenen Vorwürfe, dass es sich bei den von der Glaubenskongregation bemängelten Missständen um »vage Anklagen« handele, wies Levada scharf zurück: »Was wir hier sehen, ist keine Überraschung, und es geht nicht um geheime Anklagen sondern um das, was sich im Rahmen der LCWR- Versammlungen und auf ihrer Website abspielt. Es geht um das, was sie tun und was sie nicht tun .Zuviele Leute, die mit LCWR zu tun haben und von denen man annimmt, dass sie die katholische Kirche repräsentieren, tun das nicht mit einem auch nur annähernden Sinn für Produkt-Identifikation.« Das Produkt, von dem Levada spricht, ist die römisch-katholische Kirche.
Nach dem Knall mit der Peitsche wedelt Levada abschließend mit dem Zuckerbrötchen: Als Beweis dafür, dass die Dinge in die von Rom erwünschte Richtung liefen, würde er das Bemühen seitens der LCWR werten, in einen »ernsthaften,herzlichen und offenen Dialog mit Erzbischof J. Peter Sartain zu treten«. Dies sei aber bis heute nicht geschehen.
Roms vermutliche Strategie: Die progressiven Nonnen werden durch konservative ersetzt
»Good cop« Sartain schwächt Levadas harsche Einschätzung ab. Seattles Erzbischof ist vom Leiter der römischen Glaubenskongregation beauftragt worden, die Frauen innerhalb von fünf Jahren auf Kurs zu bringen. An blanker Konfrontation ist ihm zu diesem Zeitpunkt nicht gelegen. Das Treffen in Rom habe ihm das Gefühl gegeben, zwischen ihm und dem Verband entwickele sich eine gute Zusammenarbeit, sagt Sartain gegenüber dem National Catholic Reporter. Man sei doch erst ganz am Anfang eines Prozesses, der Zeit brauche. Termine für das nächste Gespräche gebe es noch nicht. Wahrscheinlich sei ein Treffen nach der LWCR-Jahresversammlung im August. Die Frage, ob er sich nicht in einem Interessenkonflikt sehe, weil seine Schwester dem in Rom populären und offensichtlich als LCWR-Nachfolge-Organisation ins Auge gefassten konservativen Council of Major Superiors of Religious Women (CMSWR) angehöre, verneint Sartain. Seine Schwester habe mit alledem nichts zu tun. Er habe nie mit ihr über seine neue Aufgabe gesprochen. Diplomatische Töne schlägt Sartain auch in einem gerade erschienenen Essay im Jesuiten Magazin America an. Dort versucht er, dem Bruch zwischen Rom und LCWR eine positive Seite abzugewinnen - nämlich »die Gelegenheit zu Einsicht und Zusammenarbeit«.
Während Levada, Sartain und die beiden ihm beigeordneten Bischöfe den neuen Kurs abstecken, stapeln sich bei den entmachteten Ordensschwestern die Unterstützungsschreiben: Dem mutigen und eloquenten Brief der Franziskaner folgte die Erklärung des Verbandes der Ordensbrüder (CMSM), dem rund 17000 Mitglieder angehören. Auch die internationale katholische Friedensbewegung Pax Christi stärkt der LCWR den Rücken: »Wir beten dafür, dass der Heilige Stuhl - statt strenger Prüfung, Erniedrigung und Rüge - gegenüber der LCWR und anderen weiblichen religiösen Gemeinschaften den Respekt und die Dankbarkeit zeigt, die sie in so reichem Masse verdient haben.«
Am 7. August beginnt die LCWR-Jahreskonferenz in St.Louis, Missouri. Dann wollen die Ordensschwestern darüber abstimmen, ob sie bereit sind, sich dem Diktat der Männerkirche zu beugen oder es vorziehen, ihren eigenen Weg zu gehen.
