Netzwerker des Vatikans
Der schwarze Rauch zur gescheiterten Gründung einer neuen katholischen Partei in Italien hatte sich Mitte Oktober in der umbrischen Stadt Todi kaum verzogen, da konnte nur vier Wochen später die katholische Kirche einen alternativen Erfolg willkommen heißen: Nach der Vorstellung der neuen italienischen Regierung unter dem Finanzexperten Mario Monti sprachen laizistische Kommentatoren nämlich von der ersten Regierung Angelo Bagnasco. - Kardinal Bagnasco ist Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz.
Italien braucht keine katholische Partei, um katholische Politik durchzusetzen. Bagnascos Traum von einem stärkeren kirchlichen Einfluss in der italienischen Politik hat Monti unerwartet weit erfüllt. In Todi hatten sich die Spitzen der katholischen Organisationen des Landes ungern zu einem vorläufigen Verzicht auf eine eigene Partei durchgerungen. Denn eigentlich betreiben Kräfte wie die Focolarini, Neokatechumenale, Comunione e Liberazione und St. Egidio diese fromme Wiedergeburt der alten Democrazia Cristiana. Kardinal Bagnasco war immer dagegen - und bekam jetzt Recht.
Die Technokraten sollen es jetzt richten
Ins Amt kam im Wesentlichen ein Kabinett von Technokraten, wie es Italien schon wiederholt bekommen hatte, wenn die Parteien sich nicht mehr einigen konnten und die Probleme des Landes sich im Grabenkrieg der politischen Flügel verschärft hatten. Zu den parteifernen Technokraten zählen dieses Mal mindestens drei Exponenten der katholischen Welt: Lorenzo Ornaghi, Rektor der katholischen Universität von Mailand und Vizepräsident des Verwaltungsrates der katholischen, bischöflichen Tageszeitung Avvenire, wurde Kulturminister. Corrado Passera, der Bankensanierer, wurde Industrie- und Infrastrukturminister. Er hielt in Todi eine Schlüsselrede. Schließlich zog der Kirchenhistoriker und Strippenzieher par excellence, Andrea Riccardi, in die Regierung.
Am liebsten wäre Riccardi Außenminister geworden
Riccardi, Mitgründer der Gemeinschaft St. Egidio, Karlspreisträger und Mann für alle Schnittstellen zwischen Kirche und Staat, wäre gerne Außenminister geworden. Doch gegen den Spitzendiplomaten Giulio Terzi di Sant’Agata hatte er keine Chance. Im Kabinett Monti darf Riccardi eine vom Außenministerium ausgegliederte Abteilung leiten. Er wird Minister für internationale Zusammenarbeit.
Der Titel entspricht zwar nicht seinem Ehrgeiz, aber dafür umso mehr seinen Stärken. St. Egidio hat sich einen Namen als Vermittler zwischen Konfliktparteien in der Dritten Welt gemacht, an erster Stelle in Mosambik. Internationale Zusammenarbeit kann aber auch interpretiert werden als Instrument für Netzwerke, weltweite Beziehungen und diskrete Kontakte. Da ist der 61jährige Riccardi ein Meister.
Die katholische Antwort auf die 68er-Bewegung
Als er zusammen mit anderen katholischen Studenten 1968 eine Gemeinschaft gründete, die zunächst Armen und Benachteiligten in den römischen Problemvierteln helfen wollte, ahnte niemand, dass daraus einmal die »UNO von Trastevere« werden sollte. Die Gruppe traf sich in einem aufgelassenen Kloster: in St. Egidio im Stadtteil Trastevere. Und sie nahm den Namen des Klosters an.
St. Egidio wollte eine katholische Antwort auf die linken 68er Studenten sein. Studenten aus der ganzen Welt, die am Tiber studierten, nahmen die Ideen von St. Egidio mit in ihre Heimat. Sie vernetzten sich und engagierten sich in der Politik ihrer Heimatländer, oft in gegensätzlichen Lagern. Die Voraussetzungen für Versöhnung durch Vernetzung entstanden auf diese Weise ziemlich unspektakulär.
Riccardi war der führende intellektuelle Kopf in Rom. Er balancierte schon bald zwischen der Attitüde des Hochschulprofessors und der des Chefs einer Organisation, der er fast sektenhaften Züge aufdrückte. Zeitweise war er als Sekretär der Bischofskonferenz im Gespräch. Doch die Erfolge im Ausland weckten das Misstrauen des Vatikans. Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano hielt demonstrativ Distanz zur »Nebenaußenpolitik« aus Trastevere. Sein Nachfolger Bertone erkannte dagegen in Riccardi ein Mittel zum Zweck, kuriale Vorstellungen in der italienischen Politik durchzusetzen. Früher holten die christdemokratischen Regierungen vor einer Entscheidung in heiklen Fragen die Meinung »von der anderen Seite des Tibers«, also vom Vatikan, ein. Heute sieht es so aus, als regiere der Vatikan direkt mit.
