Libby Lane schreibt Geschichte
Nach einem 22-jährigen Kampf hat am 26. Januar die erste Bischöfin der Kirche von England im York Minster, einer der beeindruckendsten Kathedralen Europas, vom Erzbischof der Nordprovinz, John Sentamu – selbst einst Flüchtling aus Uganda – die Bischofsweihe erhalten. Libby Lane (48) erhielt im Jahr 1994 gemeinsam mit ihrem Mann die Priesterweihe. Regierungschef David Cameron hatte ihr schon zu diesem historischen Meilenstein der Geschlechtergleichheit im Land gratuliert.
So umstritten war dieser Schritt, weil die zwei extrem konservativen Flügel der anglikanischen Kirche Englands – auf der einen Seite die strengen Evangelikalen, auf der anderen die nicht weniger strengen Anglo-Katholiken – das Votum in der Generalsynode blockieren konnten, obwohl die Liberaleren beider Flügel sich längst der Mehrheit angeschlossen hatten.
Um es den Fundamentalisten zu ermöglichen, die Staatskirche nicht zu verlassen, werden nun drei männliche Bischofe die betreffenden Gemeinden betreuen. Auch die radikalsten Feministinnen haben diesem Kompromiss zugestimmt. Ohne den diplomatisch geschickten Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, wäre die Situation immer noch im Argen.
Anglikanische Bischöfinnen gibt es inzwischen in Neuseeland, Australien, Kanada, Irland und vor allem in den USA, wo die Vorsitzende der Bischofskonferenz der Episkopalkirche eine Frau ist. Dies hat in Amerika und Kanada zur Folge, dass sich ein konservativer Flügel abgespalten hat, der sich »die Anglikanische Kirche Nordamerikas« nennt. In vielen Provinzen der ehemaligen Kolonien in Afrika und Asien können sich die Kirchenglieder eine Bischöfin nicht vorstellen.
Libby Lane ist als Gemeindepfarrerin sozial engagiert, spielt Saxophon und steht fest hinter der Fußballmannschaft Manchester United. Als Weihbischöfin im Bistum Chester wird sie den Titel Bishop of Stockport tragen. Aus den Weihbischöfen und ab nun aus den Weihbischöfinnen werden viele der Diözesanbischöfe ernannt. Es wird erwartet, dass schon in den nächsten Monaten einer Frau eine Bistumsleitung übergeben wird. Im Moment sind mehrere Bistümer, darunter das bedeutende Bistum Oxford, vakant. Libby Lane hat einen Magister der Universität Oxford und wurde nach ihrem Hochschulstudium am Priesterseminar in Durham ausgebildet. Sie hat zwei erwachsene Kinder.
Es wird noch eine Weile dauern, bis eine 50/50 Geschlechterbalance, wie sie sich Erzbischof Welby erhofft, erreicht ist. Bisher werden nur 6 der 42 Kathedralen von Frauen geleitet. Im Rahmen der Gesamtkirche sind einige der Dompröpste gewichtigere Persönlichkeiten als ihre Bischöfe, die zwar ein Bistum leiten, aber nicht die Kathedralen, die im Mittelalter von mächtigen Äbten geleitet wurden und nach wie vor eine große gesellschaftliche Rolle spielen – wie zum Beispiel in Coventry.
Libby Lane jedenfalls hat gestern Geschichte geschrieben. Sie wird nach anglikanischem Verständnis in der apostolischen Sukzession der sancta ecclesia et apostolica der Weltkirche ihren Platz finden.
