Laute Flieger, stille Kirchen
Die beiden protestantischen Gemeinden aus Flörsheim und Marienborn wollen vor Gericht ziehen, weil sie sich von dem ständigen Krach des Frankfurter Flughafens in ihrer Glaubenspraxis gestört fühlen. Nicht einmal ein absolutes Nachtflugverbot würde ihnen reichen.
Der Flörsheimer Pfarrer Martin Hanauer verweist auf das im Grundgesetz verankerte Recht auf freie Religionsausübung. »Wegen des dröhnenden Lärms landender Flugzeuge«, sagt er, sei - besonders bei Ostwind - eine menschenwürdige Bestattung auf dem Friedhof unmöglich. »Es ist kein Wort mehr zu verstehen.« Besinnung auf die tröstende Botschaft der Bibel, Gebete, Aussegnung: Nichts kommt an gegen den Fluglärm.
Im Beschluss des Kirchenvorstand der Marienborner Gemeinde - gleich in der Nachbarschaft - heißt es: »Wir streiten für das Recht auf innere Einkehr, um die Wiedergewinnung von Räumen der Stille.« Der rechtliche Kern kirchlicher Gemeindearbeit müsse verteidigt, die schädigende Dauerbelastung für das Gemeindeleben rückgängig gemacht werden.
Die Gemeinden machen Nägel mit Köpfen: Ihre Kirchenvorstände haben sich mit der Bitte an die Leitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gewandt, Voraussetzungen für eine Klage zu schaffen - auch wenn von manchen Juristen der Kirchenleitung die Erfolgsaussichten dieser Klage »eher gering« eingeschätzt werden.
Haben die Kirchen ein Monopol auf Stille?
Ist der Protest der Gemeinden nun skurril - oder echt christlich? Dass die Kirche den Fluglärm anprangert, sich für Mensch und und Natur einsetzt, gehört zu ihrem Profil. Doch es ist schon seltsam, das Recht auf freie Religionsausübung für eigene Zwecke zu missbrauchen. Der Fluglärm betrifft alle Menschen, die in den betroffenen Gebieten leben, nicht nur Christen. Man stelle sich eine religionspolitisch erfolgreiche, aber unwürdige Lösung nur einmal vor, um zu erkennen, wie schlecht das Argument der freien Religionsausübung zieht: Das Problem wäre nämlich nicht gelöst, wenn ein Sonder-Lärmschutz für Kirchen von der Fraport gesponsert würde.
Die Kirchen haben kein Monopol auf Stille. Aber sie können die Stille in den Lärm tragen. Zum Beispiel in den Flughafen. So gesehen war die Einladung zum »Stille-Erlebnis« am Terminal 1, wie die Mainzer Kirchen sie vor wenigen Tagen aussprachen, etwas Besonderes. Kirchen wissen etwas über die Macht der Stille, über die Kraft, die die Stille Menschen gibt. Daran zu erinnern, ist ihre ureigene Kompetenz.
