»Lasst die Kirche im Dorf«
Ein gravierender Priestermangel führt im Bistum Augsburg zu drastischen Maßnahmen. Bis zum Jahr 2025 sollen die bestehenden 1000 Pfarrgemeinden zu rund 200 größeren Einheiten zusammen gelegt werden. Eucharistiefeiern sind dann nur noch an zentralen Orten vorgesehen. Längst regt sich Widerstand. Am zweiten Fastensonntag umarmten jetzt Gläubige in über 150 Pfarrgemeinden ihre Kirche. Ein symbolisches Bekenntnis zur Kirche am Ort.
Im Bistum Augsburg leben 1,36 Millionen Katholiken in 1000 Pfarrgemeinden. Sie werden von knapp 670 Priestern betreut, Tendenz fallend. Ein akuter Mangel an Priestern beschäftigt die katholische Kirche bereits heute; in den kommenden Jahren wird sich die Situation weiter verschlechtern, denn über die Hälfte der aktiven Priester ist bereits über 70 Jahre alt.
Eucharistiefeiern werden zu exklusiven Veranstaltungen für Hochmobile
Der Umbruch zwingt zum Handeln. Was aber Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa in der pastoralen Raumplanung anstrebt, sorgt in den Pfarrgemeinden für Sorgenfalten. Denn Eucharistiefeiern werden eine Veranstaltung für hoch mobile Menschen: Gottesdienste mit Kommunion werden nur noch an bestimmten Orten stattfinden. Gleichzeitig entzieht die Bistumsleitung den Katholikinnen und Katholiken die Möglichkeit, sich mit einem Wortgottesdienst (ohne Eucharistiefeier) zu behelfen: Solche Wortgottesdienste werden an Samstagabenden, an Sonn- und an Feiertagen grundsätzlich nicht mehr genehmigt. Genau so werde man »das kirchliche Leben vor Ort, in den Dörfern und Städten sicherstellen«, ließ die Diözese verlauten. Will heißen: Genau so will man dafür sorgen, dass das »kirchliche Leben« nach den Regeln der Bistumsleitung abläuft.
Am zweiten Fastensonntag rief das Pastorale Gesprächsforum Augsburg Katholiken im ganzen Bistum deshalb dazu auf, ihre Kirche zu umarmen. In über 150 Pfarrgemeinden schlossen sich die Gläubigen dieser Aktion an. Ihr Credo: »Lasst die Kirche im Dorf«. Im Anschluss an den Gottesdienst bildeten sie lange Menschenketten rund um ihre Kirche - unter anderem in Thalfingen bei Neu-Ulm. Rund 300 Gläubige versammelten sich hier, um zu zeigen, dass sie mit den Plänen zur Umstrukturierung ihrer Diözese nicht einverstanden sind.
Liebeserklärung an die Kirche vor Ort
Pater Ulrich Keller, Pfarrer in Thalfingen und Elchingen, sieht die Aktion aber keinesfalls als Zeichen gegen Bischof Konrad Zdarsa, sondern vielmehr als Liebeserklärung an die Kirche am Ort. »Wir wünschen uns, dass unsere Kirche als lebendige Mitte der Kirchengemeinde bestehen bleibt«, sagt Keller. Die Kirche am Ort sei für viele Menschen Glaubensheimat. Komme es zur Umsetzung der Raumplanung, müssten sie weite Wege zur sonntäglichen Eucharistiefeier in Kauf nehmen. Wege, die für junge Familien und Senioren unter Umständen nicht zu leisten seien. Mit der Distanz, so Kellers Befürchtung, sinke auch die Bindung an die Glaubensgemeinschaft. Freiwilliges Engagement werde dann selten, die Kirche in der Folge zum »steuerfinanzierten Dienstleistungsunternehmen«. »Ohne das Leben innerhalb einer Kirchengemeinde, ohne Ministranten und Kirchenchor, ohne Gremien und Kinderkirche wird das Gebäude zum bloßen Museum«, befürchtet er.
Ist die sakrale Handlung wichtiger als der soziale Zusammenhalt?
Bewegen aber muss sich etwas, das steht für die Menschen in Thalfingen außer Zweifel. Das Gemeindeleben könne nicht weitergehen wie immer, denn die Bedingungen hätten sich grundlegend verändert. Keller sieht die Bistumsleitung in der Pflicht, die Veränderung zu moderieren: »Ich wünsche mir, dass die Diözese uns eine Basis gibt, auf der die Gemeinden aufbauen können« - angepasst an die Gegebenheiten vor Ort und im Dialog mit den Gläubigen. Die Planung der Diözese in ihrer jetzigen Form stelle die Feier der Eucharistie über die soziale Dimension einer Gemeinde, kritisiert Keller. »Das ist schade.«
Vorerst bleibt zumindest in seiner Gemeinde alles beim Alten. Bis 2014 soll an der Zusammenarbeit der Pfarreien Oberelchingen, Unterelchingen und Thalfingen nicht gerüttelt werden. »Was danach passiert, wissen wir nicht«, sagt Marianne Bareiß, Vorsitzende des Pfarrgemeinderates. Für sie steht fest, dass die Kirche im Dorf bleiben muss. Dass in großen Seelsorgeeinheiten ein einzelner Pfarrer nicht an jedem Sonntag in jeder Kirche zur Eucharistiefeier einladen könne, verstehe sich von selbst.
Von besonderer Bedeutung sind für Bareiß und ihre Stellvertreterin Heike Hüls deshalb die Wortgottesdienste, die Zdarsa im Zuge der Umstrukturierung an Samstagabenden, Sonntagen und Feiertagen verbieten will. Das findet Hüls unbiblisch: »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen«, zitiert sie Worte Jesu.
Die Minimallösung: »Viri probati«
Dem Priestermangel, so ihre Meinung, müsse auf andere Weise als durch diktierte Gemeindefusionen begegnet werden. Eine mögliche Lösung sei der katholischen Kirche seit Jahrzehnten bekannt - der Einsatz von viri probati. »Darüber wird immer wieder diskutiert«, weiß Hüls. Viri probati - »erprobte Männer« - sind Verheiratete, die sich aufgrund ihrer vorbildlichen Lebensweise für den Dienst als Diakon empfehlen. Eine Priesterweihe bleibt ihnen aber derzeit verwehrt - noch.
