Göttersturz an der Weichsel
Alles Verschwörung – rechte Blätter, konservative Politiker und selbst katholische Journalisten sind sich einig: Die liberale Linke und die Macher des Spielfilms »Kler«, übersetzt: Klerus, haben sich gegen die Kirche verschworen. Denn es könne ja kein Zufall sein, dass die Pädophilen-Debatte just mit der Premiere des kirchenkritischen Kassenschlagers von Wojciech Smarzowski zusammenfällt. Während sein Film in manchen Kinos wegen des Andrangs mehr als zwanzig Mal am Tag gezeigt wird, boykottieren ihn etliche Kommunen in ihren stadteigenen Kinos. Im regierungsgelenkten Staatsfernsehen TVP spricht man von »angeblichen Eliten, die die katholische Kirche angreifen« – und vom deutschen Springer-Konzern, der den Film durch seine Medien »promote«.
Die Opfer haben in Polen einen schweren Stand
Die Achse des zweistündigen Streifens bilden die miteinander verwobenen Lebensläufe von vier Geistlichen – einem Pädophilen, einem Zölibatsbrecher, einem amoralischen Vatikan-Karrieristen sowie einem zynischen, geldgierigen Erzbischof. Obwohl der Film nicht an drastischen und radikalen Szenen spart, haut Smarzowski nicht einfach auf die Priesterkaste drauf. Nach und nach lässt er den Zuschauer tief in die Lebens- und Seelengeschichte seiner Protagonisten blicken. Es sind Menschen, die wie alle anderen mit den Brutalitäten und Verlockungen des Lebens ringen – und auf verschiedene Weise vom Priesterberuf samt seiner Hierarchie angezogen werden. Zwei von ihnen sind als Kind selbst Opfer beziehungsweise verstörte Zeugen von Missbrauch gewesen. In radikalen, teils humorvollen, teils überspitzten Bildern wirft der Regisseur auch die Frage auf, wieweit die Gläubigen stillschweigend zu der überbordenden Autorität der Kirche beitragen, hinter deren Fassade Missbrauch im weitesten Sinne möglich ist. »Ein Priester«, sagt Smarzowski, »ist doch ein Bürger wie jeder von uns, und wenn er schlecht handelt, muss er wie jeder andere behandelt werden. Scheinbar offensichtlich, doch offensichtlich ist dies keinesfalls.«
Dass die Opfer pädophiler Priester in Polen einen schweren Stand haben, beklagen auch Organisationen aus der realen Welt, wie zum Beispiel die Stiftung »Fürchtet euch nicht« (Nie lekajcie sie). Ihre Opferanwälte berichten, dass die Staatsanwaltschaften die Diözesen nicht einmal zur Herausgabe von Akten oder Protokollen kircheninterner Verfahren auffordern. Wo sie dies tun, lehnt die Kirche oft ab – und die Staatsanwaltschaften nehmen dies in der Regel hin.
Dass die Stiftung just den Spruch »Fürchtet euch nicht« als Namen wählte, entbehrt nicht einer bitteren Ironie. Denn die berühmten Worte, die Karol Wojtyla 1978 bei seiner Wahl zum Papst aussprach, haben in Sachen Kirchenkritik eher das Gegenteil bewirkt. Die überdimensionierte Autorität Johannes Paul II. erstickte in weiten Teilen der polnischen Gesellschaft jegliche Kritik. Erst in der jüngsten Zeit wird die zweifelhafte Rolle des »Jahrtausend-Papstes« bei der Deckung pädophiler Fälle diskutiert.
Die Kirche ist eng mit der Regierungspartei PiS verstrickt
Durch den Film und die Debatte erhalten endlich jene eine Stimme, die Opfer wurden – und nach Gerechtigkeit suchen. Doch vieles liegt im Argen. Zwar sammeln seit 2014 speziell berufene Delegierte in den Bistümern und Ordensgemeinschaften Angaben von Missbrauchsopfern, wenn diese sich melden. Doch die Ergebnisse ihrer Arbeit bleiben unter Verschluss. Der Jesuit Adam Zak, seit 2013 Koordinator der Bischofskonferenz für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, gibt offen zu, dass er vergeblich versucht habe, die Bischöfe davon zu überzeugen, die Angaben zentral zu sammeln. Über das Ausmaß des Missbrauchs und die Praxis des stillschweigenden Versetzens macht er sich keine Illusionen. »Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass man hierbei in der polnischen Kirche anders vorging als in der irischen oder US-amerikanischen«, sagte Zak der Wochenzeitung »Tygodnik Powszechny«.
Immerhin: Bischof Romuald Kaminski von Warschau entschuldigte sich öffentlich für Pädophilie-Straftaten in seinem Bistum. Und ein polnisches Gericht fällte ein wegweisendes Urteil, indem es einem Missbrauchs-Opfer eine hohe Entschädigung sowie eine monatliche Rente zusprach, die von der Ordensgemeinschaft des Priesters zu zahlen sei. Für polnische Verhältnisse sind das große Veränderungen, denn bislang hatte man sich bei Missbrauchsklagen stets außergerichtlich geeinigt. Smarzowskis Film macht nun einem Millionenpublikum deutlich, warum und wie die Kirche derart geschützt agieren konnte und wie symbiotisch sie mit der Regierungspartei PiS verstrickt ist. Man sollte sein Werk als Weckruf verstehen und nicht als billige Verleumdung abtun.
