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Gefährlicher Sog

Erneut gibt es viele Kirchenaustritte. Viele begründen diesen Schritt mit den Steuern. Doch es geht um viel mehr
von Hartmut Meesmann vom 30.08.2014
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(Zeichnung: Johann Mayr)
(Zeichnung: Johann Mayr)

Die Kirchenaustritte sind erneut in die Höhe geschnellt. Das hat einen saublöden Grund: Ab 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge direkt von den Banken eingezogen. Doch viele Menschen, vor allem Rentner, glauben wohl, es handle sich um eine neue Art von Steuer. Und kehren den Kirchen deshalb den Rücken. Da ist auf einem hoch sensiblen Feld die neue Gesetzeslage sehr mangelhaft kommuniziert worden – auch von den Kirchen.

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Geld, Missbrauchsfälle und Arroganz

Doch das Geld ist nur der äußere Anstoß für den Kirchenaustritt. Viele der Ausgetretenen standen wohl schon länger auf der Schwelle. In den Jahren davor sorgten Skandale für die Abkehr vieler Menschen von den Kirchen, insbesondere von der römisch-katholischen: die Fälle sexueller Gewalt durch Priester und zwei Jahre später der große Vertrauensverlust wegen intransparenter Finanzen und autoritären Gehabes, für die vor allem das »gediegene« Bischofshaus in Limburg und die Person Franz-Peter Tebartz-van Elst stehen.

Zweifel am Glauben

Schaut man genauer hin, dann ist es der Glaube selbst, mit dem sich zunehmend mehr Menschen schwertun. Umfragen machen seit Jahrzehnten deutlich, dass die Kirchen in erster Linie als Sozial-Institutionen geschätzt werden. Auch Menschen, die den Kirchen eher fern stehen, wissen, dass sie sich in Notfällen an die Kirchen wenden können – und viele tun dies auch.

Es ist die religiöse Begründung, die von den Menschen nicht verstanden oder nicht (mehr) mitgetragen wird. Das dogmatische Selbstverständnis der Kirchen erscheint vielfach nicht mehr plausibel, nicht mehr nachvollziehbar. Die Menschen sind in religiösen Fragen zurückhaltender, auch ratloser geworden. Das säkulare Denken hat eine nicht zu unterschätzende Sogwirkung.

Die kleine Herde der Unbeirrbaren

Na und, sagt so mancher in den Kirchen: Dann bleibt halt die kleine Herde der Unbeirrbaren zurück. Und die andere Seite erklärt munter, dass man auch ohne Kirche Christ sein könne. Doch genau diese Haltung steht zur Debatte. Gerhard Wegner, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), verweist auf Studien, die deutlich machen, dass eine angeregte und anregende Auseinandersetzung mit religiösen Fragen fast nur in den Kirchen und anderen religiös orientierten Gemeinschaften erfolgt. Religiöse Kommunikation finde sich ohne Kirche so gut wie gar nicht mehr. In der Folge ende die Religiosität in der Indifferenz: Alles bleibt irgendwie vage. Gott? Ja, irgendwie schon, weiß nicht so genau, vielleicht, reden wir lieber über etwas anderes. Wird Religion zur reinen Privatsache, besteht die Gefahr, dass sie sich irgendwann gesellschaftlich verflüchtigt.

Abschied von den Kirchen: vorschnelle Freude

Und wird in der Gesellschaft über Sex nicht viel breiter und offener geredet als über Religion? Ausgenommen man stößt sich an Äußerungen, Verhaltensweisen und Ritualen »fremder« Religionen, insbesondere des Islam, weil man ihnen schlicht nicht aus dem Weg gehen kann.

Wer den christlichen Kirchen also vorschnell den Abschied gibt, übersieht, dass sie noch immer jene Orte sind, wo religiöse Themen und Fragen am ehesten angesprochen werden. Ob dies immer alltagstauglich geschieht, ist eine ganz andere Frage. Allerdings: Die Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zeigt auch, dass Religion kein Thema ist, auf das die Menschen begeistert abfahren. Denn in den Kirchen wird zwar über dezidiert religiöse Themen gesprochen, aber doch oft eher am Rande. Da sind die sonntäglichen Gottesdienste, ja, doch ansonsten »scheint es so zu sein, dass sich der Umfang religiöser Kommunikation verringert und faktisch nur noch in Nischen gepflegt wird«, urteilt Gerhard Wegner – ein Bibelkreis hier, ein Gebetskreis dort. Das war’s.

Vertrauen zurückgewinnen

Gewiss: Es gibt keine religiöse Sonderwelt. Religion und Alltag gehören zusammen. Doch wie sie zusammengehören, darüber könnte und sollte in den Kirchengemeinden viel mehr gesprochen werden. Erfahrungsorientiert, nicht dogmatisch. Ohne Tabus. In offenen, einladenden, gastfreundlichen Gesprächskreisen, auch außerhalb kirchlicher Räume. Wo hilft mir der Glaube? Und wie? Und worum geht es überhaupt im Glauben? Und inwiefern ist er gesellschaftlich relevant? Wenn das geschieht, könnten die Kirchen vielleicht wieder interessant werden. Und vielleicht Vertrauen zurückgewinnen – vielleicht.ê

Die Menschen sind in religiösen Fragen zurückhaltender, auch ratloser geworden

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Schlagwort: Kirchensteuer
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