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Die sieben Gaben

von Susanne Brandt, Flensburg
vom 13.05.2020
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(Foto: Susanne Brandt)
(Foto: Susanne Brandt)

Es gibt ein Lied des Liedermachers Gerhard Schöne, das mich seit mehr als 25 Jahren begleitet. Es heißt »Die sieben Gaben« und beschreibt eine Reihe von guten Wünschen mit sieben guten Dingen, Erfahrungen oder Eigenschaften, die man einem Kind – eigentlich jedem Menschen in jedem Alter – mit auf den Weg geben möchte. Und die man sich vielleicht auch selbst wünscht. Denn es handelt sich bei allem um »sieben Gaben, die nicht leicht zu haben sind«. Sie sind also alles andere als selbstverständlich, nicht immer parat und manchmal erst im Rückblick wahrnehmbar – wie Geduld, Mut, Balance oder Träume.

Es gibt Dinge, die erweisen ihre Kostbarkeit erst nach und nach, gerade dann, wenn es schwierig wird, wenn alles nicht so läuft wie geplant und erhofft.

Aber eben dann kann auch noch etwas anderes passieren: Die Verlockung ist groß, in der Krise nach einfachen Lösungen zu suchen. Und es gibt in jeder Krise – so auch jetzt – viele, die die Angst und Verunsicherung von Menschen ausnutzen und genau solche einfachen Antworten und Lösungen versprechen. Um dabei auch die letzten Zweifel an ihrer rettenden Botschaft auszuräumen, werden gern demokratische Prozesse angeprangert, Schuldige benannt, Verschwörungstheorien konstruiert und zum »Widerstand« aufgerufen – gegen das, was manche Menschen verunsichert und herausfordert. Aber für was?

Wenn ich dir was wünschen dürfte …

»Wenn ich dir was wünschen dürfte …« – so möchte ich manchen Menschen zurufen. Weil ich wahrnehme, wie viele sich einfangen lassen von solchen oft eindimensionalen und rhetorisch geschickt via YouTube verbreiteten Theorien, die wenig Raum lassen für eine konstruktive Auseinandersetzung. Dabei brauchen wir faire Auseinandersetzungen so dringend als Teil einer wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Debatte um das, was sich zeigt, was Fragen aufwirft und was noch Zeit braucht, um entschlüsselt zu werden. Wo diese Debatte nicht wirklich offen und fair geführt wird nach den Spielregeln der Wissenschaft mit nachvollziehbaren Quellen und im Interesse eines respektvollen und solidarischen Miteinanders – da wird es dann echt sehr schwierig.

»Wenn ich dir was wünschen dürfte …« – was fällt mir da gerade in diesen Wochen ein? Was möchte ich anderen wünschen, und was wünsche ich mir selbst – einfach weil ich mit anderen und für mich viele neue Erfahrungen gesammelt habe?

Was also wären sieben gute Gaben für diese Zeit?

Vielleicht diese …

1. Das Dilemma begreifen

Das klingt erst mal richtig unattraktiv. Wer will das schon erleben – ein Dilemma? Aber ob wir wollen oder nicht – es ist da. Und es hilft wenig, es wegzureden, zu beschönigen, zu verharmlosen, simple Theorien für komplexe, widersprüchliche und dynamische Prozesse zu verbreiten oder das ganze Schlamassel einfach auf Schuldige abzuwälzen. Je mehr wir versuchen, es zu begreifen, desto besser können wir lernen, damit umzugehen.

2. Kreativität entfalten

Damit kann sogar ein Dilemma Freude bereiten: Denn gerade mit der Erfahrung des Fremden und Unvertrauten, der Widersprüche und Hindernisse entstehen ganz neue Ideen. Kreativität entfaltet sich selten im Vorhersehbaren und Vertrauten. Sie braucht die Reibung mit dem Unverhofften – und sie öffnet manchmal erstaunliche neue Wege.

3. Umsicht üben

Das ist mehr als Vorsicht (denn bei der Vorsicht sind oft Angst und Verzagtheit mit im Spiel) und etwas anderes als Rücksicht. Mit Umsicht geht der Blick in alle Richtungen: nach vorn, nach nebenan und zurück, zum Himmel und zur Erde. Da geht es um mehr als um die Beachtung von Abstandsregeln. Mit Umsicht werden Begrenzungen respektiert, aber zugleich neue Räume erschlossen, die in diesen Grenzen möglich sind.

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4. Zeit lassen

Sich Zeit lassen und einer Entwicklung Zeit schenken – das ist schwierig, wenn die Sehnsucht nach der vertrauten Normalität so groß und die Geduld schon reichlich zermürbt ist. Zeit aber, die wir der Forschung überlassen, wird uns neue Chancen schenken: die Chance der wachsenden Erkenntnis, der verbesserten Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten wie der sorgfältiger durchdachten Strategie, mit Krisen umzugehen – auch in Zukunft.

5. Wandel wagen

Auch da finden Gegenwart und Zukunft zueinander, weil es jetzt um die richtigen Weichenstellungen geht – regional, national wie global: Welche nachhaltigen Ziele können mit den angekündigten Wirtschaftsförderungen jetzt umso kraftvoller unterstützt werden? Welche Reformen sind nötig, um die Gesundheits- und Sozialsysteme noch wirksamer am Gemeinwohl auszurichten? Und was soll im Blick auf den Klimawandel anders bleiben, einen weiteren Wandel erfahren und nicht wieder zum »Vorher« zurück?

6. Solidarität leben

Solidarität erlebt gerade eine heftige Zerreißprobe. Wo Grundrechte beschnitten werden, fängt ein gesellschaftliches Fundament an zu wackeln, auch wenn – genau betrachtet – in den meisten Fällen gar nicht die Grundrechte selbst, sondern lediglich bestimmte Möglichkeiten der praktischen Ausübung in engeren Grenzen stattfinden müssen als sonst. Gleichzeitig gibt es wunderbare Beispiele für eine solidarische Kreativität, mit der Stärkere den Schwächeren helfen oder miteinander neue Formen von »Gemeinschaft auf Abstand« gelebt werden. Das weckt die Hoffnung, dass da noch mehr möglich wäre …

7. Hoffnung teilen

Und genau diese Hoffnung lässt sich teilen. Das Wunderbare dabei: Je mehr Menschen sich davon ermutigen und bewegen lassen, desto größer wird ihre Kraft.

Sieben Gaben – das ist nicht alles.

Aber für sieben Tage einer Woche werden sie reichen – und weiterwirken …

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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