Der Weihnachtsmythos
Es ist ein schönes Gefühl: Die Krippe ist aufgebaut, der Weihnachtsbaum steht funkelnd im Wohnzimmer, die Familie ist versammelt, die Kinder werden trotz aller Aufregung stiller. Allmählich wird es festlich, für ein paar Stunden scheint die Welt stillzustehen. Die Straßen sind leer, die Menschen, wenn sie können, verbringen die Zeit mit ihrer Familie – und beschäftigen sich mit dem Ritual, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Weihnachten ist für viele ein Höhepunkt des Jahres, immer etwas Besonderes – selbst für diejenigen, die mit der religiösen Botschaft nicht mehr viel anfangen können. Das Fest lässt wenige kalt. Kaum eine Geschichte ist so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte. Ein Baby kommt in einem Stall auf die Welt. Das bewegt.
Sonnenwendfeier und der Gott »Sol invictus«
Doch davon müsste sich eigentlich niemand bewegen lassen, denn vieles an der Weihnachtsgeschichte ist Fabel und Mythos. Jesus kam ja nicht am 25. Dezember auf die Welt, vermutlich auch nicht in Bethlehem. Und ob er je in einer Krippe gelegen hat? Wer weiß das schon. Vermutlich wusste es nicht einmal der Evangelist Lukas. Dass wir Weihnachten an diesem Tag feiern, hängt mehr mit der Sonnenwende zusammen – der römische julianische Kalender nahm dafür den 25. Dezember an –, als mit der Not der biblischen Kleinfamilie, eine Unterkunft zu finden. Auch der Glaube an den römischen »unbesiegbaren Sonnengott« Sol Invictus, der am 25. Dezember gefeiert wurde, spielte bei der Datumswahl mit hinein.
Vom Nikolaus zum Christkind
Zum religiösen Fest gesellten sich die religiösen Bräuche. Im Mittelalter wurde Weihnachten öffentlich gefeiert, mit Umzügen und Krippenspielen. Die Familienweihnacht mit Tannenbaum und Festessen gibt es erst seit etwa 150 Jahren. Auch das Schenken änderte sich. Im Mittelalter brachte der Heilige Nikolaus Geschenke; bis Luther kurzerhand die Heiligenfigur durch den »Heiligen Christ« ersetzte. Daraus entstand das Christkind. Im 19. Jahrhundert kam der Weihnachtsmann hinzu. In den USA trat »Santa Claus« 1863 in die Weihnachtstradition ein.
Und was wäre Weihnachten ohne den Baum? Rund 25 Millionen Nadelbäume werden jedes Jahr in Deutschland vor Weihnachten abgeholzt, damit sie drei Wochen lang in den Wohnungen festliche Stimmung verbreiten – bevor sie geschreddert werden.
Seine Karriere begann der immergrüne Tannenbaum, der selbst im Winter Lebenskraft ausstrahlt, als Paradiesbaum im mittelalterlichen Schauspielen. Seit 1800 wurde er mehr und mehr zum bürgerlichen Symbol der Weihnachtszeit, erst bei den Protestanten, dann bei den Katholiken. Von Deutschland aus zog er in die Welt. Ausgerechnet ein Krieg, der von 1870/71, machte ihn in Frankreich bekannt. Auswanderer nahmen den Brauch mit in die USA.
Vor den Kirchenglocken klingeln die Kassen
Bräuche, Rituale, Mythen: Erschöpft sich Weihnachten darin? Den Eindruck könnte man auch deswegen bekommen, weil die Geschäftswelt Weihnachten als ideale Feier für eine Welt entdeckt hat, die von allem nie genug bekommen kann. Seither klingeln vor den Kirchenglocken an Heiligabend erst einmal wochenlang die Kaufhauskassen. Ist das angebliche Fest der Liebe also nur ein Geschäftsmodell, das noch dazu auf einer Geschichtsfälschung beruht und religiöse Sehnsüchte schamlos ausbeutet? Ist Weihnachten in Wirklichkeit nicht mehr als heiße (Glühwein-)Luft?
Was an Weihnachten berührt
Nein, es gibt Dinge, die an dem christlichen Fest wirklich berühren. Immerhin ist Jesus tatsächlich irgendwann geboren, in welchem Monat und unter welchen Umständen ist letztlich zweitrangig. Und mit ihm ist etwas Neues in die Welt gekommen, was es bis dahin noch nicht gab. Gott selbst kam unter die Armen und Aussätzigen und ließ die Reichen und Mächtigen links liegen. Ja, er sagte sogar unerhörte Dinge, wie: Eher kriecht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt. Das muss aufrüttelnd geklungen haben in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren zählte.
Diese enorme Kraft, die sich für Gewaltfreiheit und Versöhnung einsetzte, wirkt bis heute. Und in dieser Hinsicht ist Weihnachten tatsächlich anrührend. Als Erinnerung daran, dass es für diese Kraft einen Anfang gab. Und dass daraus selbst heute noch etwas werden kann. Weihnachten könnten wir als Aufruf verstehen, die Welt auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Ist alles so, wie es sein könnte und sollte? Werden die Menschenrechte umgesetzt, geht es gerecht in der Wirtschaft zu, wird auf die Umwelt Rücksicht genommen – etwa bei den Weltklimakonferenzen wie kürzlich in Doha? Man kann getrost dreimal „Nein!“ rufen.
Und wie steht es mit dem eigenen Leben? Ist es Zeit für etwas Neues? Sollten wir manche Ansichten über Bord werfen, weil sie sich überholt haben? Weihnachten: ein Anstoß zur Veränderung.
