Der vergessene Pakt mit den Armen
Es sind vierzig vornehmlich südamerikanische Bischöfe, die sich am 16. November 1965 in den römischen Katakomben versammeln, um miteinander den »Katakombenpakt« zu schließen. In der Folge unterzeichnen ihn weitere 500 Bischöfe weltweit. In 13 Thesen gelobten sie, fortan eine arme, machtlose, prophetische Kirche zu verwirklichen, die die »Option für die Armen« lebt. Die Auseinandersetzung zwischen der Befreiungskirche und der reaktionären Kirche des Vatikans wird damals erstmals weltöffentlich.
Die Option für die Armen bedeutet, die Welt mit den Augen der arm gehaltenen und arm gemachten Bevölkerung zu sehen und dementsprechend zu handeln. Die Bischöfe machen sich zu ihrem Sprachrohr. Die Mächtigen in Kirche und Staat fühlten sich herausgefordert. Sie verteidigten ihre Privilegien gegen die Armen mit Zähnen, Klauen und geheimen Kommandosachen.
Eine wichtige Person unter den Bischöfen, die für die Armen streiten, ist der 1999 verstorbene Dom Helder Camara. Damals ist er gerade Erzbischof von Recife/Brasilien geworden. Heute leben Menschen wie Dom Erwin Kräutler aus dem Geist des Katakombenpakts. Kräutler hat sich mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele der Solidarität mit den bedrohten Indios Brasiliens verschrieb. Er wird verfolgt, bedroht, sein Mitarbeiter und Mitbruder wurde ermordet. Er selbst entkam – das ist nicht mal lange her – knapp einem Mordanschlag und lebt. Dom Erwin Kräutler ist ein überzeugender Kopf christlicher Befreiungspraxis und eine Hoffnung nicht nur für Indios.
Als Ratzinger Papst wird, haben die Reaktionäre gesiegt
Den Mitgliedern des Katakombenpakts steht damals ein langer Kampf mit den diktatorischen Regimen Südamerikas bevor, vor allem auch mit der eigenen Kirchenführung. Als Joseph Kardinal Ratzinger Papst Benedikt XVI. wird, tragen die reaktionären Kräfte den Sieg in der Kirche davon. Nach heftiger Fehde des Vatikans gegen die Befreiungstheologie wird die Option für die Armen abgedrängt. An ihre Stelle tritt eine verquere Option des Papstes für die Armseligkeit in seiner Enzyklika Deus Caritas est. Sie will zwar kirchlicherseits Almosen geben, das Gewissen der Herrschenden und Beherrschten bilden und gute Werke für die Armen anregen, aber nicht für gerechtere Strukturen sorgen. Das will Benedikt den Staaten überlassen. Mitunter auch den Laien – ohne die Kraft der kirchlichen Institution.
Derart entpolitisiert macht der Katholizismus Roms den Reaktionären in aller Welt Freude. Denn er ist eine »Option gegen die Armen«, die die Kirche sich selbst überlässt angesichts der buchstäblich erdrückenden Übermacht der Herrschenden.
Ist mit der Option für die Armen heute keine Kirche mehr zu machen? Vor allem stört diese Option eine weltweit agierende und sich mit unterschiedlichsten Mächten und Regimen arrangierende Kirche. Sie nimmt Rücksicht auf sich statt auf die Armen. Sie will die Besitzenden und Mächtigen nicht vergraulen, denn sie bringen der Kirche Einfluss und Geld. Doch wer als christliche Kirche eine ausgewogene Strategie sucht, um allen Heimat zu sein, fügt der Armut der Armen weitere Armut hinzu. Die Kirche verfolgt heute eine soziale Beschwichtigungspolitik, aber sicher kein glaubwürdiges Christsein. Ohne Option für die Armen fehlt dem Christentum das Herz.
Zum Thema »Option für die Armen« gibt es eine aktuelle DVD im Publik-Forum Shop unter dem Titel »Verzeiht uns unsere Träume«.
