Der heikle Auftrag
Es ist das Jahr 883, als der Gelehrte und Dichter Notker von St. Gallen eine Begebenheit zu Papier bringt, die einen eifrigen christlichen Missionar bis heute ernüchtern kann. Notker erzählt von der Regierungszeit Ludwigs des Frommen. Dessen christliches Kaiserreich, ererbt von seinem Vater Karl dem Großen, grenzt direkt an das Herrschaftsgebiet skandinavischer Fürsten. Man treibt Handel miteinander, und die Franken wenden eine besondere Strategie an, um die Nordmänner dabei zu Christen zu machen: Gesandte werden nur empfangen, wenn sie sich taufen lassen. So geraten die Skandinavier unter Zugzwang. Wollen sie Waren kaufen oder verkaufen, müssen sie zuerst das Wasserritual über sich ergehen lassen. Und zwar immer und immer wieder.
Notker jedenfalls erzählt der Nachwelt in der Gesta Karoli Magni vom Protest eines älteren Täuflings gegen sein offenbar minderwertiges Taufkleid: »Schon zwanzigmal hat man mich hier gebadet und mir die besten und weißesten Kleider angetan. Aber so ein Sack steht keinem Krieger, sondern einem Schweinehirten zu! Und wenn ich mich nicht meiner Nacktheit schämte, nachdem man mir meine (eigenen) Kleider weggenommen, würde ich dir dein Gewand samt deinem Christus lassen!«
Es sind solche historischen Quellen, die Aufschluss geben über die wahren Beweggründe vieler Europäer, die christliche Religion anzunehmen. Im frühen Mittelalter herrscht eine Mischung aus Pragmatismus, aus Zwang und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die einen sichern ihre Herrschaft ab, indem sie das Christentum als Staatsreligion fördern und ihren Wirtschaftsbeziehungen dienlich machen. Die anderen werden gar nicht erst gefragt, ob sie Christen werden wollen, sondern mit Geld oder dem Schwert dazu gezwungen. Und nur die Dritten haben gläubige Motive.
Als befreiende Religion empfinden das Christentum vor allem Sklaven, Frauen und Kinder. In der Regel werden über diese abhängig Lebenden am Ende auch freie Männer für den neuen Glauben gewonnen. Diese Regel gilt bis in höchste Kreise. So sind es vielfach die Frauen adeliger und mächtiger Männer, die als Christinnen dafür sorgen, dass ihre zunächst oft noch paganen Gatten den Weg frei machen für christliche Missionare in ihrem Hoheitsgebiet, für den Bau von Klöstern und Schulen. Ein typisches Beispiel für solch liebende christliche Einflussnahme ist Chrodechild, die Frau des Frankenkönigs Chlodwig.
Frauen machen den Weg frei
Die in Paderborn gezeigte Ausstellung »Credo. Christianisierung Europas im Mittelalter« widmet dem Einfluss christlicher Frauen beim Werdegang des Christentums einige Aufmerksamkeit. Fast noch aufmerksamer aber schaut die Ausstellung auf die Ausbreitung des Glaubens mit Schild und Schwert sowie auf die Predigtkunst und -strategie männlicher Missionare. Als im 14. Jahrhundert die Missionierung Europas weitgehend abgeschlossen ist, haben sich auf dem Weg dorthin Phasen der Gewalt und der Überzeugungsarbeit, Phasen der Christianisierung »von oben« und der Ausbreitung des neuen Glaubens »von unten« abgewechselt – oder sind auch gleichzeitig ein Thema.
Spirituell entwickelt das Christentum dabei eine mindestens ebenso große Wirkmacht wie politisch. Diejenigen, die es wirklich annehmen und nicht nur zu Machtzwecken missbrauchen oder zum Glaubenswechsel gezwungen werden, sind offenbar fasziniert von der Lehre über einen parteilichen Gott, der auf der Seite der Schwachen steht und sie stark macht, der die Hungrigen speist und die Trauernden tröstet, vor allem aber: der den Menschen nicht festlegt, sondern ihm jederzeit Umkehr und Neuanfang ermöglicht. Es ist ein Gott, zu dem man sich nach einem wüsten Leben sogar noch auf dem Totenbett bekennen kann – und dessen Liebe man trotzdem erwarten darf. Dieser Gott rechnet nicht auf, führt keine Tabellen über »Soll und Haben«, sondern liebt – über alle Standes- und Geschlechtergrenzen hinweg. Er wird vor allem in den christlichen Klöstern verehrt, deren dichtes Netz bereits im 12. Jahrhundert ganz Europa durchzieht. Von dort aus wird die weitere Mission organisiert, dort wird Bildung verbreitet und das religiöse Leben inspiriert.
Und trotzdem gilt: Das Christentum wird von den meisten Europäern nicht auf einmal, nicht durch einen irreversiblen Bekehrungsakt angenommen. Stattdessen sind lange Phasen des Doppelglaubens die Regel. Pagane Götter und die Rituale ihrer Verehrung bleiben über Jahrhunderte präsent. Sie verändern auch den christlichen Glauben selbst, der von Menschen geformt wird, die etwas aus dem Alten ins Neue mit hinübernehmen.
Das peinliche »M«-Wort
Die Paderborner Ausstellung bleibt nicht bei der Beschreibung dieser mittelalterlichen Verhältnisse stehen. Sie fragt auch nach den Folgen dieser Entwicklung für die Neuzeit. Einen wichtigen Schwerpunkt setzt sie dabei im 19. Jahrhundert. Es ist die Zeit der Inanspruchnahme des Christentums für den nationalen Gedanken: So wird der »Apostel der Deutschen«, Bonifatius, in dieser Zeit hoch verehrt. Die meisten künstlerischen Darstellungen dieses Mannes, der der Legende nach die Donar-Eiche fällte und damit die Machtlosigkeit einer wichtigen paganen Gottheit demonstrierte, sind überkonfessionell. Der Kitt zwischen den Konfessionen hält, bis Bismarck ihn sprengt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts spaltet der Kulturkampf die Christinnen und Christen im Land tief. Die Katholiken werden sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg von ihrer Geringschätzung durch das preußische Protestantentum erholen.
Offen bleibt, welche Zukunft das Christentum in Europa hat. Der Paderborner Theologe Klaus von Stosch stellt sich dieser Frage im Begleitband zur Ausstellung. Er schreibt, dass »Mission« einerseits ein »bleibendes Wesensmerkmal der Kirche«, andererseits aber »in der Krise« sei: »Sie kann nicht mehr als Verkündigung des christlichen Glaubens mit dem Ziel der Bekehrung Andersgläubiger verstanden werden.« Eine solche Zielsetzung zerstöre gerade »die Absichtslosigkeit und Unbedingtheit der Zuwendung Gottes. Mission darf deswegen nicht als Verbreitung der Kirche verstanden werden, sondern als Eintreten für das Reich Gottes«. Zentrales Kennzeichen dieses Reiches ist es bereits nach biblischer Konzeption, dass der Mensch in ihm frei leben kann. Und so sind nach Stosch »Befreiung und Humanisierung« heute entscheidende Missionsziele. Damit wendet sich die Missio Dei Menschen unterschiedlichen Glaubens und Herkommens zu.
Verlangt Mission deshalb kein Bekenntnis mehr? Das Gegenteil ist der Fall! Denn die Idee der »Befreiung und Humanisierung« der Welt erfordert im Europa des 21. Jahrhunderts ebenso wie in den Anfängen des Christentums, Partei zu ergreifen für die Schwachen gegen die Starken, für die Hungrigen gegen die Satten, für die Armen gegen die Reichen. »Befreiung und Humanisierung« verlangt auf einer grundsätzlichen Ebene heute aber auch die Parteinahme für Demokratie, Meinungsfreiheit und eine offene Diskussionskultur.
An diesem Punkt lässt sich zeigen, wie ein gewachsenes und an den Auseinandersetzungen um Aufklärung und Menschenwürde gereiftes Christentum heute »Mission« leben könnte. Es ist nötig, von den historischen Entwicklungen und humanen Errungenschaften nicht einfach abzusehen und ein »Zurück zu den Anfängen« zu predigen. Nein, Christinnen und Christen können sich vielmehr als durch die historische Kritik am Christentum beschenkt verstehen. Beschenkt sind sie durch die Notwendigkeit, sich neuen Gedanken zu öffnen und sie in das Christentum zu implementieren. So beschämend es etwa ist, dass die Idee der universellen Menschenwürde gegen die christlichen Kirchen in Europa durchgesetzt werden musste, so entschlossen sollten Christinnen und Christen sich heute für diese Idee stark machen – denn sie entspricht der Intention Jesu. Dieser Jesus konnte freilich nicht dieselben Worte dafür finden wie die Verfasser der UN-Charta des 20. Jahrhunderts; schließlich war er ebenso Kind seiner Zeit wie wir heute Kinder der unseren sind.
Doch wird das Christentum überhaupt noch gebraucht, um der Würde des Menschen willen? Die Paderborner Ausstellung führt vor Augen, dass wichtige Parameter, die im europäischen Mittelalter zur raschen Verbreitung und Absicherung dieser Religion beitrugen, heute nicht mehr vorhanden sind. Schon lange ist keine Berufung auf das Christentum mehr nötig, um Regierungen zu legitimieren. Schon lange werden keine Kämpfe mehr im Namen Christi ausgefochten. Schon lange sind Europäer nicht mehr darauf angewiesen, Christen zu werden, um endlich als vollwertig wahrgenommene Menschen unter anderen Menschen leben zu können.
Ein Papyrus mit Sprengkraft
Was also hält das Christentum im 21. Jahrhundert in Europa lebendig? Lothar König, evangelischer Jugendpfarrer in Jena und bundesweit bekannt geworden nicht nur durch seinen gelebten Widerstand gegen den Rechtsextremismus, sondern auch wegen eines zu Unrecht gegen ihn eröffneten Gerichtsverfahrens, sieht im Christentum die tiefe Hoffnung auf ein lebendiges Leben verankert. Eine Hoffnung, die über die Jahrhunderte trägt. Im Christentum, so findet er, wohne eine unbändige Lebensfreude, »die größer ist als alle Angst vor Menschen und bösen Mächten, zuletzt oder vielleicht gar zuerst vor mir selbst. Ich habe keine Angst mehr, wenn ich diesem Gott glaube. In diesem Sinne gehe ich immer wieder tatkräftig ans Werk.«
Christsein gegen alle Ängste und Mächte: Schon der Apostel Paulus trug diesen zentralen Gedanken an seine zahlreichen Gemeinden in der Welt weiter. Die Credo-Ausstellung zeigt neben vielen Schätzen der Kirchengeschichte das Fragment einer frühen Abschrift eines Paulus-Briefes an die Römer, entstanden vermutlich zu Beginn des 3. Jahrhunderts. Etwa in der Mitte des Papyrus-Fetzens stehen in griechischen Buchstaben die Worte: »Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?« Wo die Furcht endet, weil Gott als treuer Freund erkannt wird, da ist auch Mission nicht mehr zum Fürchten. Schade, dass wir nicht ein paar mehr Lothar Königs haben.n
Die Ausstellung »Credo. Christianisierung Europas im Mittelalter« ist noch bis zum 3. November 2013 in Paderborn zu sehen. Sie steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck. Mehr unter www.credo-ausstellung.de
