Heavy Metal in der Messe
Leserfrage von Margret Hillers, Frankfurt: Mich würde interessieren, welche besonderen Gottesdienstformen es in den Kirchen gibt.
In der Jugendkirche SAM in Berlin finden zwei bis dreimal im Jahr experimentelle Musik-Gottesdienste statt. Dann rückt die Musik der Toten Hosen, von Wir sind Helden oder die des DJs David Guetta in den Mittelpunkt, die Messe beinhaltet zugleich eine normale katholische Liturgie. Angestoßen wird das Thema des Gottesdienstes immer von Jugendlichen, die ihn mit vorbereiten. Er zieht viele junge Leute an – auch solche, die sonst nicht in die Kirche kommen. Peter Otten hat mit Helmut Jansen, dem Geistlichen Leiter des BDKJ-Diözesanverbandes in Berlin, und Gregor Henke, Referent in der Jugendkirche SAM, über dieses besondere Gottesdienstangebot gesprochen
Ihr feiert Tote-Hosen- und Ärzte-Gottesdienste, neulich einen HeavyMetal-Gottedienst. Klingt erst mal seltsam. Was muss ich mir darunter vorstellen?
Helmut Jansen: Unser Ansatz ist: Was die Jugend umtreibt, das muss auch in die Jugendkirche rein. Erst mal einfach machen und gespannt sein, was dabei rauskommt. Das ist das, was mich an der Arbeit immer fasziniert hat. Und das Spannende ist: Es geht eigentlich immer um irgendwelche Lebensthemen, sonst würde man die Musik nicht hören. Man hört die Musik, weil sie halt cool ist und weil sie über die Sprache hinaus etwas Schönes ausdrücken kann. Aber die Texte sprechen einen auch oft an. Und wenn es coole Texte sind, dann sind das Themen von uns und dann müssen diese Themen halt in den Gottesdienst.
Was für eine Bedeutung hat Musik gerade für Jugendliche im Gottesdienst?
Gregor Henke: Die Musik hat ja an sich schon einen Stellenwert im Alltag der Jugendlichen. Sie hören sie auf dem Weg zur Schule, um ihren Gefühlen einfach einen Soundtrack zu geben. Im Alltag spielt sie eine große Rolle, und es ist einfach schade, dass die Kirche so eine Parallelwelt darstellt. Ich glaube, dass es für Jugendliche ganz schön ist, ihre Musik auch in einem Gottesdienst mal zu erleben. So finden sich die Gefühle aus ihrem Alltag auch dort wieder, und das ist natürlich perfekt.
Spricht nicht trotzdem etwas dafür, Alltagsmusik im Alltag und – sagen wir – geistliche Musik in der Kirche zu spielen? Im Gottesdienst geht es doch auch um Kontrasterfahrungen.
Henke: Es ist nicht so, dass wir in unseren Gottesdiensten jedes Mal ein Lied von den Toten Hosen spielen. Es geht grundsätzlich darum, dass diese Musik mal in die Kirche reinkommt. Ich habe nichts gegen Gregor Linßen beispielsweise, der fantastische Texte schreibt. Und dennoch drücken sie vielleicht nicht das aus, was ein David Guetta bei den Jugendlichen an Gefühlen ausdrückt. Schön ist es, beiden einen Raum zu geben. Ich glaube, das tut den Jugendlichen gut. Das öffnet ihre Herzen auch für den nächsten Gottesdienst, wo das nicht so ist.
Jansen: Ich glaube, wenn in der Kirche alles anders ist als in meinem Alltag – nur geistliche Musik, nur fromme Texte, nur traditionelle Formen von Spiritualität – dann finden sich die Kinder und Jugendlichen im Gottesdienst nicht mehr wieder. Das heißt, ich tue gut daran, Alltagskomponenten, das was die Menschen umtreibt, mit in den Gottesdienst zu nehmen, damit er nicht zu einem »closed shop« wird.
Wie kommt ein solcher Gottesdienst zustande?
Jansen: Nehmen wir den Heavy-Metal-Gottesdienst. Zum einen hört der Pfarrer hier gerne diese Musik. Dann hatte ich ein Gespräch mit einem, der der Jugendkirche nahe steht, der findet die Musik geil und meinte: Macht doch mal was in dieser Richtung! Wir waren natürlich selbst voller Fragen: Wie weit kann das gehen? Und haben dann schon eine Grenze gezogen und keine Death-Metal-Musik gespielt.
Aber wir wollen uns tatsächlich mit der Musik auseinandersetzen. Warum hören Menschen diese Musik? Und da wurde es interessant: Es geht ja um Gewalt, um Zorn, um Wut, all die Sachen. Darf das in den Gottesdienst rein? Und die Antwort war schnell klar: Ja, die müssen rein!
Und dann ist uns aufgefallen: Wenn jemand diese Musik hört und all seinen Frust in diese Musik hineinlegt, aber kein Gegenüber hat, der das hört – dann ist das doch irgendwie erbärmlich. Und wie viel geiler ist es, wenn ich meinen Zorn und meine Wut dieser Altarwand oder diesem Kruzifix entgegenschleudern kann, in der Hoffnung, dass mich da jemand hört. Das war für mich so ein Schlüsselerlebnis, wo ich gemerkt habe: Cool, wenn ich solche Musik reinnehme, dann verändert sich für mich auch ganz viel.
Und wir waren natürlich ganz schnell bei den Psalmen aus dem Alten Testament, wo Gott angeklagt wird und so weiter. Es passiert in unseren Gottesdiensten gar nicht mehr, dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit unserem Leben oder mit Gott stattfindet.
Metal Musik in der Kirche – trägt der Pfarrer dann auch eine Lederkutte oder hat lange Haare?
Jansen: Wir sprechen gerade über unsere experimentellen Gottesdienste. Wir haben natürlich auch die klassischen Gottesdienste. Und in die könnten wir keine Metal-Elemente einbauen, das würde nicht gehen. Es ist wichtig, von Anfang an zu kommunizieren, was da passieren wird. Denn dort werden ganz bestimmte Leute angesprochen und andere ausgeschlossen.
Henke: Wir haben hier in der Jugendkirche den Vorteil, dass wir viele Gestaltungsmöglichkeiten haben. Wir haben eine Raum, der viel Verwandlung zulässt, sei es mit Tüchern, sei es mit Strahlern, durch die man eine andere Atmosphäre hinbekommt. Und das Gottesdienstteam schaut sich nicht nur die Musik an, sondern den gesamten Rahmen, der den Gottesdienst tragen soll. Da spielt das setting schon eine interessante Rolle. Wo ist der Priester? Steht der mittendrin? Haben wir einen Kreis drumherum? Das wird von Gottesdienst zu Gottesdienst neu entschieden.
Beim David Guetta-Gottesdienst gab es Leute, die sich wirklich um Technik, ums Licht, um den Nebel und um einen DJ gekümmert haben, weil es eine Einheit sein sollte. Beim Ska-Gottesdienst haben wir eine Bühne aufgebaut, haben alles schwarz-weiß dekoriert, die Leute von der Band dementsprechend gekleidet. Das ist schon ein authentisches stimmiges Konzept, weil die Leute, die das vorbereiten den Wunsch haben, genau das rüberzubringen.
Und dann ein Gottesdienst mit David Guetta. Ist das nicht Spaßmusik pur?
Jansen: Ich hatte noch nie was von David Guetta gehört und werde in der Zukunft sicher auch nichts mehr von ihm hören, weil es nicht meine Musik ist (lacht). Da haben wir uns allein von den Texten schwer getan, weil die Texte null Aussage gaben – jedenfalls für uns. Aber da kam uns ein anderer Gedanke: Bei David Guetta geht es um »Featuering«. Das heißt Musiker bringen ihre Sachen zu ihm und er verändert sie, motzt sie auf als DJ. Die Jugendlichen erzählten uns, die Bands hätten bei ihm angestanden und wollten von ihm gefeatured werden. Und wir sind über diesen Gedanken zu der Szene in der Bibel gekommen, wo Jesus Zachäus trifft und Zachäus auf dem Baum sitzt und den Wunsch hat, von Jesus gefeatured zu werden. Jesus verändert das Leben, ohne Zachäus selbst zu verändern.
Das ist ein schöner Gedanke. Die Alltagskultur ernst zu nehmen und nicht naserümpfend über sie hinwegzugehen…
Jansen: Das ist das Schöne in der Vorbereitung: Du gehst völlig unvoreingenommen an eine Sache ran und entdeckst, was eigentlich drinstecken könnte. Und du erlebst den Bibeltext auch noch mal ganz anders. Der kriegt über den Alltag eine ganz andere Bedeutung. Es geht nicht darum, ein Lied besonders gläubig zu interpretieren. Sondern mein Glaube bekommt durch die Musik noch mal eine ganz neue Komponente. Das ist großartig.
Weitere Informationen: http://www.jugendkirche-berlin.de/
