Ausstellung
Kant neu gedacht
Museum. Immanuel Kant (1724-1804) zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Neuzeit und prägt das Denken bis heute. Sein Satz: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen«, gilt als Programm der Aufklärung. Seit dem Frühjahr nun ist ihm in Lüneburg ein eigenes Museum, das erste in Deutschland, gewidmet. Kant ist schon im Eingangsbereich allgegenwärtig: auf Münzen, Büsten und Briefmarken sowie in Zitaten bedeutender Denkerinnen und Denker – in Hannah Arendts berühmtem Satz zum Beispiel: »Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen.«
Joachim Mähnert, Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums, zu dem das Kant-Museum gehört, sagt: »Wir wollen ihm kein Denkmal setzen, sondern Neugier wecken und Gedankenanstöße liefern.« Die Ausstellung gliedert sich in die Bereiche Erkenntnis, Moral und Politik. Texttafeln, Medienstationen, Filme und Inszenierungen laden dazu ein, Kants Denken auf heutige Fragen zu beziehen. Zu den kostbarsten Exponaten gehört die Erstausgabe seiner Schrift »Zum ewigen Frieden« von 1795. Bemerkenswert aktuell erscheint Kants Gedanke, dass Frieden mehr ist als ein Waffenstillstand, den man jederzeit wieder zu brechen gedenkt.
Auch der Religion ist ein Kapitel gewidmet. Nach Kant gibt es in der Bibel einen vernünftigen Kern, der einen aufgeklärten Glauben begründen könne. Moral führe »unumgänglich zur Religion«. Gleichzeitig kritisiert er kirchliche Autorität und traditionelle Gottesbeweise. Moses Mendelssohn, jüdischer Philosoph der Aufklärung, gab seinem Zeitgenossen Kant den Beinamen »Alleszermalmer«.
Im Museumsforum können Besucherinnen und Besucher mit Expertinnen und Experten diskutieren. Dazu gehört Marcus Willaschek, Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main. Zur Kritik an Kant wegen rassistischer, antisemitischer und frauenfeindlicher Äußerungen sagt er: »Dass Kant Frauen nicht die vollen Bürgerrechte zuerkennt, ihnen nicht die Fähigkeit zur Mündigkeit im selben Sinn zuspricht, wie Männer sie haben, das können wir nicht akzeptieren. Ich glaube, wir sind uns einig, dass wir keinen musealen Umgang mit Kant pflegen können, wenn wir ihn im Hinblick auf unsere heutigen Probleme betrachten wollen.«
Die Ausstellung lädt dazu ein, Kant nicht unkritisch zu verehren, sondern mit ihm weiterzudenken und sich ein eigenes Urteil zu bilden – ganz im Sinne seines berühmten Aufrufs.

