Leserbrief
Schwach oder stark?
So tragisch es ist, viel Geld in die Ertüchtigung unserer Armee zu investieren: Ein schwacher Verhandlungspartner wird nicht ernst genommen, mit dem wird nicht mal verhandelt. Das führt uns Putin die ganze Zeit vor. Unsere militärische Unterstützung für die Ukraine war übrigens durchaus von diplomatischen Bemühungen, besonders unter der Ampelregierung, begleitet. Wir haben jahrzehntelang eine Politik der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland praktiziert (und es politisch in Ruhe gelassen bei den unzähligen Menschenrechtsverletzungen dort in dieser Zeit). Was hat diese Einbindung gebracht außer unsere energiewirtschaftliche Abhängigkeit und volle Kriegskassen für Putin? Abgesehen davon, dass Geschäfte mit Diktaturen ein Schlag ins Gesicht all jener sind, die unter Despoten leiden. Europa muss stärker werden, damit es wenigstens einen politischen Großakteur gibt, der demokratische Werte weiter ernst nimmt. Dafür brauchen wir auch eine glaubwürdige Außenpolitik. Aber schwach bleiben? Nicht auszudenken, von welchen Putins oder Trumps (siehe Grönland) wir dann überrannt werden. Vielleicht muss man in einer Diktatur gelebt haben, um diese Angst nachzuempfinden. Ich habe diese Erfahrung leider. Nicola Hessenmüller, Merseburg
Christoph Fleischmann unterbreitet am Ende seines Artikel das Diskussionsangebot: »Warum kann Europa nicht schwach bleiben?« »Warum muss die latente Drohung Trumps, er werde die Sicherheit Europas nicht verteidigen, mit dem Aufbau einer Stärke kompensiert werden? Könnte es nicht auch zu einem Wiederaufleben eines europäischen Systems der kollektiven Sicherheit unter Einbeziehung Russlands führen?« Aber das ist bei Gott nicht einmal als Gedankenexperiment gewollt. Fleischmann sagt richtig: »Der Katholikentag ist in diesen Fragen wohl eher ein Spiegel des gesellschaftlichen Konsens (Talkshows!), keine Ressource für alternative Ideen.« Wann werden wir endlich klug und strengen unser Gehirn an, um solche Sicherheitssysteme zu schaffen, die nicht die Gefahr bergen, dass die gegenseitige Aufrüstung der Nationen in Europa diese an den Rand eines (im schlimmsten Fall Atom-)Krieges führt, der unter anderem das Ende der kulturellen Zivilisation in Europa und eventuell der Welt heraufführt? Gerhard Loettel, Bad Kreuznach

